Eine Sternstunde am TdA
Wenn aus einem Schauspieler einer wie Du und ich wird …

Hannes Liebmann in der Rolle des Josef Bieder.©T. Pfundtner
Die Premiere der „Sternstunde des Josef Bieder“ – am 20. März 2026 – entpuppte sich als wahre „Theater-Sternstunde“: Hannes Liebmann in der Rolle des „kleinen“, aber eigentlich ganz großen Requisiteurs, spielte und monologisierte zwei Stunden aus der Welt der Bühnen, über Glitzer und Glamour, Sein und Schein.
Dazu eine perfekte, phantasievolle Inszenierung von Intendantin Dorotty Szalma und Dramaturgin Syliva Martin, eine Super-Ausstattung und eine perfekte Maschinerie der „Unsichtbaren hinter den Kulissen“. Kein Wunder, dass das Publikum mit Herz und Seele dabei war und das Team nicht von der Bühne lassen wollte.

Die Sternstunde des Josef Bieder (Hannes Liebmann), TdA©Nilz Böhme
Von Thomas Pfundtner
Stendal – „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ Dieses alte deutsche Sprichwort sollte in Stendal und am Theater der Altmark (TdA) ergänzt werden – um den Satz: „Doch der Hannes, der kann es!“
Gemeint ist Hannes Liebmann, seit der Spielzeit 2013/14 festes Ensemblemitglied am TdA. Er ist der „Dino“ im Ensemble, spielt eigentlich alles, was er unter die Fittiche bekommt. Jetzt brillierte er im Kleinen Haus in der Solo-Komödie „Die Sternstunde des Josef Bieder“ als Theater-Requisiteur, der fest davon überzeugt ist, dass am Theater alles „in einer Katastrophe“ endet. Überall auf der Welt.
Geschrieben wurde das Stück von Regisseur Eberhard Streul aus Radebeul, der 1977 in die Bundesrepublik ging. Mitautor war Otto Schenk – österreichischer Schauspieler, Kabarettist und Intendant, der im vergangenen Jahr sechs Monate vor seinem 95. Geburtstag verstarb. Sie schufen eine komödiantische Hommage an die bunte, schillernde Welt des Theaters. Damit nicht genug: „Die Sternstunde des Josef Bieder“ ist eine Verneigung vor allen Menschen am Theater, die nicht im gleißenden Rampenlicht stehen und nie Applaus bekommen. Aber sie sind das Öl in der Maschinerie hinter den Kulissen – ohne sie wäre eine Aufführung unmöglich.

Der Requisiteur (Hannes Liebmann) in seinem Element.©Nilz Böhme
Zu ihnen gehört Josef Bieder, ein älterer Requisiteur-Fuchs, der weiß, dass immer gespielt wird und ohne ihn nichts geht. Als er beim Einrichten der nächsten Vorstellung auf der Bühne werkelt, stellt er plötzlich fest, dass vor ihm ein gespanntes Publikum sitzt.
Was nun?
Während er verzweifelt versucht, die Intendanz zu erreichen – „die sind nie da, wenn man sie braucht“ – beginnt er zu plaudern; aus der Welt der Bühne oder von verspinnerten Schauspielern und Regisseuren. Fachmännisch und urkomisch erläutert er seinen ungebetenen Gästen, wie man den Todesdolch richtig an- und einsetzt. Er erklärt, wie kompliziert Tiere auf der Bühne zu händeln sind und warum er für ein „alkoholisches“ Getränk nur noch Malventee einsetzt.
Doch das ist längst nicht alles – Bieder erinnert an geplatzte Träume, krumme Lebenswege und nicht erwiderte Liebe, obwohl „40 Jahre Altersunterschied doch kein Problem sind.“ Es sind seine Geschichten, es ist sein Leben. Es ist Normalität, wie wir sie alle selbst erleben. Das macht ihn sympathisch, verletzlich und menschlich …
Großes Kino auf den Brettern, die die Welt bedeuten


Das beteiligte Team des TdA beim hoch verdienten Schlussapplaus.©T.Pfundtner
Sicher, das Komödiantische steht im Vordergrund. Das hat TdA-Intendantin Dorotty Szalma, die Regie führte, zusätzlich mit viel Lokalkolorit und humorvollen TdA-Spitzen gourmethaft erweitert. Dazu eine Prise Lebensweisheit durch Dramaturgin Sylvia Martin – und fast fertig war der perfekte Theaterabend.
Dazu Hannes Liebmann. Ich weiß nicht, wie viel Freiheit die Regie ihm gelassen hat, aber eins steht fest: Er hat der „Mischung“ genau das richtige Feuer verpasst und noch mal „alles durchgerührt“
In Schlapperjeans, verschlissenem Arbeitskittel mit prall gefüllten Taschen und ausgelatschten Galoschen legt er eine Show hin, die mehr als sehenswert ist.
Geprägt von einer faszinierenden Mimik, rollenden Augen, hängenden Wangen, lauten und leisen Tönen, plumpen und eleganten Bewegungen. So nimmt er nicht nur die ganze Bühne, sondern gleich das gesamte Kleine Haus für sich in Anspruch. Ein gelungener Regie-Schachzug von Dorotty Szalma ist es, Josef Bieder ins Publikum zu schicken und mit den anwesenden Gästen zu kommunizieren. Da kriegt jeder sein Fett weg – auch der Kritiker!
Dann die Ausstattung. Sie passte wie die Faust aufs Auge: Antike Säulen (aus Medusa), dazwischen kleine und große Requisiten – meist alt und gebraucht („das Theater muss sparen“) und irgendwoher von Bieder organisiert. Der Kontrast zwischen oben und unten konnte nicht besser gewählt sein. Super durchdacht von den Ausstattungsperfektionisten Esther Dandani und Mark Späth
Hannes Liebmann spielt die gut zwei Stunden nicht, nein, er lebt Josef Bieder, den kleinen Mann von nebenan. In seiner Performance stecken 70 Jahre Lebenserfahrung, werden Höhen und Tiefen erkennbar, Brüche und Heilungen. Seine Vita zeigt, dass er die Tücken des Lebens kennt und damit fertig werden musste. Sei es als Lkw-Fahrer, Edelsteinexperte oder in der Gastronomie. So wie Josef Bieder, weiß Liebmann, wie fehlende Kleinigkeiten von einem auf den anderen Moment alles verändern können – sei es auf der Bühne oder im richtigen Leben. So wirkt er nicht nur glaubwürdig – er ist es. Ehrlich, das war ganz großes Kino auf der kleinen Bühne im Landestheater. Kein Wunder, dass das Publikum begeistert klatschte, herzhaft lachte, mitspielte und Hannes Liebmann am Ende nicht mehr von der Bühne lassen wollte.
Und der vergaß selbstverständlich nicht, das gesamte Team auf die Bühne zu holen, sich bei den Lichtsetzern und Tontechnikern zu bedanken. Glücklicherweise ist dies für alle Schauspieler auf der Welt ein Muss, denn sie wissen… Siehe oben!
Übrigens – vor einigen Jahren stand „Die Sternstunde des Josef Bieder“ schon einmal auf dem Spielplan des TdA. Damals spielte der Tangermünder Bernd Marquardt die Rolle des bescheidenen Requisiteurs. Auch er kam so richtig aus dem Leben, hat er seine 38 Jahre als Strippenzieher (Elektriker) am TdA begonnen, bevor er als Opernsänger die Bühne in Stendal eroberte und nach dem Aus des Musiktheaters als Schauspieler für Furore sorgte.
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