Schlager, Schlager und ein Baby

Das Weihnachtsmusical „Geschenkt wird einem nichts“ feierte im Theater der Altmark Premiere

 

 

Niclas Ramdohr und Tara Oestreich bei der Premiere von „Geschenkt wird einem nichts“ am TdA.©Thomas Pfundtner

 

Lang anhaltender Applaus, rote Rosen und viel Musik – die Uraufführung von Niclas Ramdohrs Weihnachtsmusical bietet alles, was der Zuschauer gern hat: Fetzige Musik. Zwei Schauspieler, die sich geschickt die Bälle zuwerfen. Pointen zum Schmunzeln und Lachen. Und Dialoge, die zum Nachdenken anregen.

„Geschenkt wird einem nichts“ mit zurückhaltendem Tannenbaum-Bühnenbild.©Thomas Pfundtner

Von Thomas Pfundtner

Stendal – Seit er vor zehn Jahren die Biege machte, hat er nichts mehr von seiner Tochter Lena gehört. Geschweige von seiner Exfrau. Ausgerechnet jetzt, da Peter Schlager bei der Betriebsweihnachtsfeier von Schraubengroßhandel Nagel für Stimmung und gute Laune sorgen soll, steht die junge Frau bei ihm in der Garderobe und fordert familiäre Unterstützung von ihm ein.
Für den heruntergekommenen Sänger, der sich seit Jahren mühselig von Auftritt zu Auftritt hangelt, ein kleines Drama; gelingt es der Tochter doch, des Sängers Träume von der großen Karriere zu zerstören. Er, der vermeintlich das Leben kennt, muss in ihren Gedanken und Vorstellungen erkennen, was er ist: Ein Nichts, der mit Fakeanrufen bei „seinen Freunden“ Helene Fischer, Andrea Berg oder Florian Silbereisen sich in den Mittelpunkt stellt und um Anerkennung förmlich bettelt.
Während des Dialogs, der immer wieder zwischen Vorwürfen und vermeintlichen Liebesbekundungen hin und her schwankt, entdecken Vater und Tochter, dass sie musikalisch gut zusammenpassen. Doch auch dieser Anker zerbricht, als Lena gesteht, dass sie schwanger ist – von einem Gitarristen, der gerade nach New York geflogen ist, um dort zu studieren. Wie soll es nur weitergehen …?

Niclas Ramdohr, Schöpfer, Sänger und Schauspieler.©Thomas Pfundtner 

Das Weihnachtsmusical „Geschenkt wird einem nichts“ stammt aus der Feder von Niclas Ramdohr. Auch die Lieder wurden von ihm komponiert. Was also lag näher, als dass der musikalische Leiter des TdA auch in die Rolle von Schlagerstar Peter Schlager schlüpft. Was ihm hervorragend gelingt.

Sanft und umschmeichelnd singt er sich als Peter Schlager in die Herzen der Frauen auf der Betriebsweihnachtsfeier. Dann wieder – Auftritte bei Firmen oder in Festzelten – Peter Schlager baucht jeden Penny zum Überleben. Im Haifischbecken der Musikindustrie, die 2023 einen Umsatz von 2,21 Milliarden erzielte, ist Peter Schlager ein ganz kleiner Fisch, der unauffällig den großen Stars hinterherschwimmt und hofft, den Hit zu landen, der ihn nach oben spült.

Ja, Niclas Ramdohr kann Schauspiel. Das hat er oft genug auf den Bühnen des TdA bewiesen.
Jedoch bei „Geschenkt wird einem nichts“ verschiebt sich, ab dem Moment als Lena auf die Bühne kommt, die „Rollenpräsenz“: Immer mehr übernimmt Tara Oestreich, neu im Ensemble des TdA, das Zepter. Ihre Bühnenpräsenz scheint förmlich durch das „Kleine Haus“ zu schweben, um dann die Herzen der Zuschauer im Sturm zu erobern.
Es sieht so aus, als ob das TdA mit Tara Oestreich einen Rohdiamanten verpflichtet hat, der nur noch etwas Schliff benötigt, um zu strahlen.
Auch ihre Stimme beeindruckt. Kleine Hänger und hin und wieder der falsche Ton fallen nicht ins Gewicht, können die Stendaler doch sicher sein, dass Niclas Ramdohr ihr noch einiges vermitteln wird.
Warten wir einmal ab, wie sich Tara Oestreich in dieser Spielzeit noch entwickeln wird. Der Kritiker ist fest davon überzeugt, dass Tara Oestreich schon bald von der Bühne in der Karlstraße nicht mehr wegzudenken ist.
Unter der Regie von Sylvia Martin ist eine Produktion auf die Bühne gebracht worden, die mehr ist als ein „Weihnachtsmusical“, dass sich der Zuschauer „mal eben so ansieht“. Im Gegenteil: „Geschenkt wird einem nichts“ regt zum Nachdenken und reflektieren an – bleibt aber dennoch eine Komödie mit vielen Pointen und Wortwitz.

Ein „Weihnachtsmusical“, das zeitübergreifend ist – der Besuch lohnt sich immer

TdA-Team beim begeisterten Schlussapplaus©Thomas Pfundtner

Hervorzuheben ist ebenfalls die Ausstattung von Esther Dandani: Karge, minimalistische Garderobe für den Künstler. Dafür aber ein „wertvolles“ goldflimmerndes Jackett, das klar macht, wer hier der eigentliche Schlager-Chef ist.
Fazit. Seien wir ehrlich: Sind wir nicht alle irgendwie ein bisschen Peter Schlager? Kämpfen wir nicht alle darum, anerkannt zu werden, im Beruf Erfolg zu haben und Liebe und Glück erfahren?
Es bringt Spaß sich „Geschenkt wird einem nichts“ anzusehen. Auch wenn es zwei kleine Beanstandungen gibt: 1. Die Tonanlage schien teilweise völlig übersteuert zu sein, so dass es für das Publikum schwierig wurde, alle Texte zu verstehen.
2. Das Stücke hätte keinen „Weihnachtsdreh“ benötigt, es spricht für sich selbst. Und der kleine Tannenbaum wurde wohl nur aufgehängt, damit auch jedem, wirklich jedem Besucher klar wird, wann das Stück spielt.

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Mitwirkende des TdA

Peter Schlager: Niclas Ramdohr
Lena: Tara Oestreich
Stimme Klaus-Günther Nagel: Tilo Werner
Stimme Sabine: Barbara Weiß
Stimme Mitarbeiterin Schraubenfirma Nagel: Katrin Steinke

Buch und Musik / Musikalische Leitung: Niclas Ramdohr
Regie: Sylvia Martin
Ausstattung: Esther Dandani
Dramaturgie: Sylvia Martin, Roman Kupisch
Hospitanz / Produktionsassistenz: Sarah Frede / Richard Klitsch
Hospitanz / Inspizienz: Sarah Frede
Hospitanz / Ausstattungsassistenz: Nova de Reuter

Technischer Direktor: Sirko Sengebusch
Jaclin Kaufmann-Hochmuth, Miriam Kellmann, Kathleen Schapals (Leitung)
Requisite: Justin Harwardt, Eva Wortmann
Ankleiderinnen: Maria Quade, Larysa Beier
Bühnenmeister: Steffen Nodurft, Veikko Poitz, Sirko Sengebusch
Beleuchtungsmeister: Ronald Gehr / Beleuchtungseinrichtung: Christian Beye, Jörg Wendt, Toralf Zaeske
Video: Christian Kaiser, Max Kupfer (Leitung)
Tonmeister: Enrico Stephan
Toneinrichtung: Bernd Elsholz, Christian Kaiser, Enrico Stephan
Kostümwerkstattleitung: Kirstin Versümer
Schneiderei: Brita Becker, Bärbel Wünsch
Werkstattleitung: Steffen Poitz
Leitung Malsaal: Oleksii Petrov
Bühnentechnik: Michael Briest, Sebastian Franz, Marcel Jatzek, Christian Köppe, Ralf Thalis