Wir sollten leben

Am Morgen des 1. Mai 1945 rollten weiß gestrichene und mit dem RotKreuz-Emblem versehene Busse und Krankenwagen durch das Tor des Arbeitserziehungslagers Kiel-Hassee. Sie gehörten zum Kontingent der von dem schwedischen Grafen Folke Bernadotte initiierten Rettungsmission, um in der Endphase des Zweiten Weltkrieges moglichst viele KZ-Haftlinge aus den Händen der SS zu befreien und nach Schweden in Sicherheit zu bringen. Die Rettungsfahrzeuge nahmen in dem Kieler Lager 153 jüdische Haftlinge auf. Menschen, von denen die meisten eine mehrjahrige Odyssee durch Ghettos und Lager durchlitten hatten.
Diesem Transport und – vor allem – den damals ausgezehrten und verzweifelten Menschen widmet sich dieses Buch. Es spürt an Hand von Dokumenten und Zeitzeugenberichten den Lebensläufen der nach Schweden geretteten Holocaust-Überlebenden nach und schildert ihr Leben nach dem Überleben. Es sind individuelle Überlebensgeschichten von Menschen, die die Hoffnung auf ihre Befreiung vom Nazi-Joch bereits aufgegeben hatten und ungläubig in die Rettungsfahrzeuge eingestiegen waren. „Also sollte ich leben“, schrieb Johanna Rosenthal aus Potsdam nach dem glücklichen Ende ihres Märtyriums in einem schwedischen Flüchtlingsheim nieder. Wir sollten leben – das war in Anlehnung an Johanna Rosenthals Ausspruch die Botschaft der in Kiel befreiten Frauen, Männer und Kinder, die in Schweden ihren Lebensmut und ihr Selbstbewusstsein zurückgewonnen hatten.

Erscheinungsdatum: 18. September 2020
Sprache: deutsch
Seitenanzahl: 282
Verlag/Hersteller: Novalis Verlag GbR
ISBN 9783941664715

Preis: 19,80 Euro

Bernd Philipsen, 1941 in Schleswig geboren, ist seit bald 50 Jahren journalistisch tätig, erst in Baden-Württemberg, dann im Hamburger Raum und seit 1968 in Flensburg. Bis 2002 war er leitender Redakteur beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag, in dieser Eigenschaft viele Jahre Redaktionsleiter der Schleswiger Nachrichten und arbeitet seitdem als freier Journalist und Publizist. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Zeit- und Regionalgeschichte und zur Geschichte der Juden in Schleswig-Holstein. Im Dezember 2023 wurde Bernd Philipsen mit einem Eintrag in das Goldene Buch der Stadt für seine Aufarbeitung des jüdischen Lebens in Flensburg geehrt.

Eine persönlich-betroffene Rezension zum Buch:
Schon lange hat mich die Konfrontation mit jüdischen Lebensschicksalen nicht mehr so sehr gepackt wie bei der Lektüre dieses Buchs, die mir mehrere lange Leseabende eingebracht hat, an denen ich das Buch nicht vor Mitternacht aus der Hand legen konnte.
Ähnlich tief berührt haben mich bislang nur etliche Besuche in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem (hebr. ein Denkmal und ein Name ) und ganz besonders die persönlichen Begegnungen mit Shoah-Überlebenden, die ich während einer mehrjährigen beruflichen Tätigkeit im deutsch-israelischen Jugendaustausch in den 70/80er Jahren erleben durfte und die tiefe Spuren in mir hinterlassen haben.
Was macht nun für mich die der persönlichen Begegnung vergleichbare Erlebensdichte bei der Lektüre dieses Buchs aus?
Da ist zum einen eine gewisse Überschaubarkeit der dargestellten ausführlichen Lebensgeschichten von 14 jüdischen Menschen. 14 Namen und Gesichter das ist nachvollziehbar, während die unvorstellbare Zahl von 6 Millionen ermordeter Juden in Dimensionen jenseits meiner Vorstellungskraft reicht. Zum anderen sind diese Lebensgeschichten und die in der Liste aller 153 in Kiel Befreiten kurz genannten Lebensdaten zu erheblichen Teilen an Orten beheimatet sind, die mir aus meiner eigenen Lebensgeschichte vertraut sind, weil ich selbst dort gelebt bzw. meine berufliche Arbeit mich dorthin geführt hat: Münster, Coesfeld, Horstmar, Arnsberg, Duisburg, Gelsenkirchen, Bochum, Paderborn, Trier… …
Am konkretesten und tiefsten berührt – und daher hier exemplarisch genannt – haben mich die Lebensgeschichten von Wilhelmine Cohen und Benno Süßkind (S. 121 ff). Wilhelmine Cohen (Jahrgang 1905) ist geboren und aufgewachsen in Coesfeld, der Heimat meines gleichaltrigen Vaters (Jahrgang 1906) wer weiß, ob sie sich nicht als Kinder begegnet sind? Wilhelmine Cohen berichtet zudem, dass sie in den ersten Kriegsjahren bei alliierten Luftangriffen im Luftschutzkeller des Gymnasiums Nepomucenum in Coesfeld Zuflucht fanden in der Schule, die mein Vater früher als Schüler besucht hat und in der er von 1933-1935 als junger Lehrer tätig war.
Denkwürdig für mich auch: Wilhelmine Cohen und ihr zweiter Ehemann Benno Süßkind beschlossen 1947, aus Schweden nach Deutschland zurückzukehren. Sie zogen nach Trier und bauten sich dort nicht nur ihre eigene neue Existenz, sondern auch die dortige Jüdische Gemeinde maßgeblich wieder auf. Denkwürdig für mich deshalb, weil ich mehrere Jahre in Trier gelebt habe und dort meine Tätigkeit im deutsch-israelischen Jugendaustausch begann. Mit einer meiner israelischen Austauschgruppen habe ich das Trierer Stadtarchiv besucht, um Dokumente aus der Geschichte der Jüdischen Gemeinde anzuschauen (u.a. sehr sauber und ordentlich geführte Deportationslisten mit Vermerken wie nach Theresienstadt verzogen ). Indirekt bin ich also dort auch schon dem Ehepaar Süßkind und ihrem Wirken in der Gemeinde begegnet
Eigentlich unvorstellbare, grauenvolle Lebensschicksale haben so nicht nur Namen und Gesichter bekommen, sondern auch einen direkten Bezug zu meiner eigenen Lebenswelt, auch wenn ich ein Nachkriegskind (Jahrgang 1949) bin. Diese Lebensgeschichten haben sich nicht irgendwo an fernen Orten abgespielt, sondern in meinem eigenen Umfeld. Es sind Schicksale aus der Generation meiner Eltern und von vielen sogar noch deutlich jüngeren Menschen also auch zeitlich nah an meinem eigenen Leben. Ich kann diese Menschen auf Fotos anschauen, die denen so ähnlich sind, die ich aus den Fotoalben meiner Eltern kenne so normal und vertraut. Und hinter jedem der 153 in letzter Minute in Kiel Geretteten stehen die Schicksale unzähliger Ermordeter: Ehepartner, Kinder, Geschwister, Eltern, Großeltern, Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kollegen Menschen, mit denen die Überlebenden eng verbunden waren. Menschen wie ich und du und wie alle, mit denen wir verbunden sind
Es ist eine hoch zu schätzende Leistung der beiden Herausgeber, ihrer Mitautoren und des Novalis-Verlags, dass sie durch die reiche und anschauliche Bebilderung des Buchs mit Fotos und Dokumenten die Lebensgeschichten dieser Menschen und auch die wunderbare Rettungsaktion und deren Initiatoren und Helfer für uns Nachgeborene so intensiv erlebbar gemacht haben. Es ist ein wichtiges Buch in unserer bewegten und unruhigen Zeit, in der sich der Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion erdreistet, die 12 Jahre der Hitler-und-Nazi-Diktatur als nur ein Vogelschiss in über 1000 (!) Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte zu bezeichnen.
Was für ein ungeheuerlicher Schlag ins Gesicht all‘ derer, die in diesen 12 Jahren so unsägliches Leid erfahren haben! Es ist eine unerträgliche Vorstellung, die Überlebenden müssten sich mit solchen Parolen konfrontiert sehen.
Etwas ganz anderes ist beinahe ebenso unvorstellbar und daher umso beeindruckender und ermutigender: Das Buch gibt auch Zeugnis davon, dass diese Menschen, die durch eine Hölle gegangen sind, ihren Lebenswillen und ihren Lebensmut danach wiedergewonnen haben ein weiterer gewichtiger Grund, warum wir sie, ihre Namen und Gesichter nie vergessen dürfen.
Dazu sehr eindrücklich und zu Herzen gehend beizutragen, ist das Verdienst dieses Buches, für dessen Impulse ich dankbar bin auch dafür, dass es mich anregt, die Geschichte meiner eigenen Familie in dieser Zeit noch einmal neu zu beleuchten. (M. Trendelkamp)