„Ich werde ihn vermissen“

 

Ein ganz persönlicher Nachruf zum Tode von Mario Adorf. Der Weltstar starb im Alter von 95 Jahren in Paris

 

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Mario Adorf während des Interviews.@Maximilian Rossner

Er konnte alles: Spielen. Singen. Schreiben. Er begann 1962 seine Karriere an den Münchener Kammerspielen und wurde zum Weltstar. Jetzt ist Mario Adorf gestorben. Mit 95!

Von Thomas Pfundtner
Ich war acht, als Winnetou I in die Kinos kam und Mario Adorf als Gangster Santer zum bösesten Bösewicht aller Karl May-Fans und von Millionen Kinogängern wurde. Der Grund: Adorf schickte die Schwester von Winnetou, gespielt von der wunderschönen Schauspielerin Marie Versini in die „ewigen Jagdgründe.“ Die große Liebe von Winnetous Blutsbruder Old Shatterhand.
Während in den folgenden Jahren Mario Adorf zum Weltstar wurde, quälte ich mich durchs Abitur und das Berufsleben. Seine Filme begleiteten mich dabei. Später die Live-Shows mit ihm, seine Bücher. Seine Rückkehr auf die Bühne als Entertainer – Mario Adorf war für mich immer präsent. Ob im Kino oder im TV. Müßig die Leinwand- und Fernseherfolge alle aufzuzählen. Die Liste ist unendlich und überall im Netz zu finden. Zum Beispiel hier: https://www.filmstarts.de/personen/143/filmo/
Adorf, das war ein wenig wie Thomas Gottschalk, der letzte TV-Entertainer, der Millionen vor das „Familien-Lagerfeuer“ locken konnte.
Nur, Adorf war anders: Nachhaltiger, vermittelnder, bescheidener, kritischer, überzeugender. Er musste sich nicht in den Vordergrund schieben, er war es. Das war wie Helmut Kohl: Wenn der ehemalige Kanzler einen Raum betrat, war der voll. Wenn Mario Adorf auf die Bühne trat, gehörte sie ihm. Von der hintersten staubigen Ecke bis an die umstrahlte Rampe …

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Diesen einmaligen Menschen und Schauspieler einmal vors Mikrofon für ein Interview zu bekommen, blieb über Jahre ein Traum.
Dann, ich war seit 12 Jahren als freier Journalist unterwegs, klappte es, nach langem Hin und Her. Sein langjähriger Manager Michael Stark leitete meine Anfrage – ich hatte das Interview der „Stadt Gottes“, ein monatlich erscheinendes Magazin der Steyler Missionare, (https://de.wikipedia.org/wiki/Stadt_Gottes_(Zeitschrift)) vorgeschlagen – weiter und unterstützte meine Idee.
Ich werde es nie vergessen: Sonntag, 3. November 2019, 11 Uhr in der Münchner XY-Straße.
Was folgte waren fast vier Stunden Gespräch, Diskussion, Interview und gemütliches Beisammensein. Maximilian Rossner, der Fotograf und ich wollten nicht mehr aufbrechen.
Adorfs Charme, seine Barmherzigkeit, seine Bescheidenheit und sein unendliches Wissen zogen uns in seinen Bann. Was scherte es, dass er vergessen hatte, etwas zum Trinken anzubieten – wofür er sich immer wieder entschuldigte, um dann in der Küche zu verschwinden und mit einem herrlich duftenden, schwarzen Kaffee zurückzukommen.

Ein unvergessenes Gespräch mit einer Legende

Das Interview fand in entspannter Atmosphäre statt.©Maximilian Rossner

Mario Adorf hatte viel zu erzählen: Die Beziehung zu seiner Mutter.
Das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die ersten Schritte auf der Bühne eines Studententheaters.
Die Liebe zu seiner Frau Monique, die er nach 18 Jahren 1985 vor den Traualtar führte. Der Umgang mit Freunden.
Die Frage: Was ist das Nichts? Der Moment des Sterbens. Mario Adorf nannte es „die, letzte große Rolle, in der man auf den Punkt gut sein muss“. Seine Angst um Deutschland und Europa:
Wir kamen vom Hundertsten ins Tausende. Ich saugte jedes Wort auf, hing an Adorfs Lippen und staunte, wie klar, fit und optimistisch diese Legende war. Resignieren gab es für ihn nicht. Immer wieder schaute er mich mit klarem, ehrlichem Blick an und nahm mich mit auf seine Lebensreise.
2 Stunden 33 Minuten und 45 Sekunden verzeichnete am Ende das Dictaphone für das Interview. Immer wieder stoppte das Band, weil viele Dinge „top secret“ waren und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Als wir uns verabschiedeten, waren wir fest davon überzeugt, dass wir uns eines Tages wiedersehen. Dazu ist es leider nicht gekommen. Stattdessen entwickelte sich zwischen uns ein E-Mail-Austausch, in dem er regelmäßig sein Unverständnis darüber kundtat, dass er nicht verstehen könne, dass Deutschland zurück in Nazi-Denke zu verfallen scheint und dem Rechtsextremismus Tür und Tor geöffnet wird.

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Dieses Gespräch wird unvergessen bleiben!©Maximilian Rossner

Dann erreichte mich seine letzte Mail, in der er schrieb:

„Ich stelle erstaunt fest, dass sich unser erstes Gespräch 2019 ereignet hat, eine Zeitspanne seither, in der sich auch für mich vieles ereignet hat. Zuerst ist da das Lebensalter zu nennen, das sich nicht mehr nur mit dem Shakespeare’schen „schleichenden Tritt“ fortbewegte, sondern sich immer häufiger mit deutlichen Warnzeichen auf der physischen Seite zum Beispiel mit Stürzen – die Beweglichkeit einschränkend – meldete, und auf der geistigen Seite eine fortschreitende Vernachlässigung vieler freundschaftlicher Kontakte sowie Lese- und Schreibfaulheit entwickelte, die ich sehr bedaure und zu bekämpfen versuche. All das soll aber kein Jammern sein, sondern nüchterne Feststellung. –
Immerhin habe ich einen langen schönen Sommer in Südfrankreich verbracht und befinde mich jetzt in Paris. Selbst München ist im Augenblick für mich weit entfernt.“

Lieber Mario Adorf, ich verneige mich vor Ihnen in tiefer Demut und voller Respekt. Ich bin sicher, Sie haben Ihre letzte Rolle oscarreif gespielt!
Mein letztes Versprechen an Sie: Unser Gespräch werde ich nie löschen. Bis zu unserem Wiedersehen, wo immer das auch sein wird.
Danke für alles!