Beeindruckender Roman aus Träumen geschrieben

Bücher, Bücher! Hunderttausend Bücher!
Aristoteles, Empedokles, Aeneas, Parmenides.
Und Nikomachos, Diogenes, Antiochos, Maimonides!
Schon beim Riechen
spür´n wir die Weisheit der Griechen.

Bei Kant kann sich der müde Geist am reinen Denken laben.
Aber wenn der Autor Hegel heißt, wird man am Weltgeist traben.
Deutscher Tiefsinn auf Papier gedruckt und alles Erstausgaben!
Nur Erbauliches, wohin man guckt. Ein Leben ohne Bücher wär Tortur!

Aus dem Musical „Tanz der Vampire“ von Michael Kunze (Texte) und Jim Steinman

Antje Henkel-Schilbach, die Papiermacherin, auf der Leipziger Buchmesse.©T.Pfundtner

 

Das obige Zitat könnte auch als Motto über der Leipziger Buchmesse stehen, Bestseller, Flops, Sachliteratur, Reiseberichte Comics, Erstausgaben, Antiquitäten – die Leipziger Buchmesse schüttet alljährlich über ihren Besuchern eine schier unendliche literarische Auswahl aus, die kaum zu verkraften ist.
Das Problem: Bei dem Angebot fällt es schwer, neben den Verkaufsschlagern, die versteckten, feinen gedruckten Kleinode zu entdecken, die dem Lesevergnügen noch einmal einen ganz besonderen Kick verleihen.
In den kommenden Monaten werden wir auf dieser Seite in lockerer Folge einige dieser literarischen Höhepunkte vorstellen – sei es als Interview mit den Autoren oder als Reportage. Sicher, die Auswahl ist subjektiv, wir hoffen dennoch, dass etwas für Sie dabei ist.

Zeichnung der Niederzwönitzer Papiermühle.©T.Pfundtner 

Von Thomas Pfundtner

Seit 1568 steht in Niederzwönitz die einzige erhaltene Papiermühle des Erzgebirges, die gleich zeitig auch die älteste noch bestehende Papiermühle in Deutschland ist. Es ist ein Gebäude voller Mysterien, spannenden Geschichten und beeindruckenden technischen Meisterleistungen aus über 400 Jahren.
Da ist es schon verwunderlich, dass es außer Dokumentationen bis vor wenigen Monaten kein Roman über das Leben, die Menschen und die Arbeit in der Niederzwönitzer Papiermühle veröffentlich wurde.
Das änderte sich erst, als vor über 20 Jahren eine junge Frau die Niederzwönitzer Mühle für sich entdeckte und fortan zum Mittelpunkt ihres Lebens machte: „Ich wurde vom ersten Moment an in den Bann dieses alten historischen Gebäudes gezogen“, erinnert sich Antje Henkel-Schilbach. „Das alte Mauerwerk, der verstaubte Dachboden, das Knarren des Mühlrades und die alten funktionierenden Maschinen haben mich bis heute nicht losgelassen.“ Zwischen dem Pochen des Lumpenstampfwerks und dem Rauschen des Mühlbachs spürte sie förmlich, wie die Vergangenheit mit ihren vielen Geschichten wieder zum Leben erwachte …

Wasserrad der Niederzwönitzer Papiermühle.©T.Pfundtner

Im Inneren der Niederzwönitzer Papiermühle©T.Pfundtner

Für Antje Henkel-Schilbach wurde dieser Ort zur neuen Heimat, sie fühlte sich angekommen. Kurzerhand zog sie in eine Wohnung gegenüber der zum technischen Museum umgebauten Mühle, bewarb sich um eine (damals noch unbezahlte) Stelle und richtete 2003 ein kleines Atelier für ihre Kunstobjekte in dem Gebäude ein.
Viel wichtiger aber war für die Mutter zweier Kinder, der Einstieg in die Geschichte der Niederzwönitzer Mühle. Unterstützt und gefördert vom einstigen Museumsdirektor Eckhard Stölzel (1978 bis 2019) studierte die Künstlerin nicht nur jedes Dokument über die Mühle, sondern stieg auch immer tiefer in die Kunst des Papiermachens ein. Egal, ob es um das Gautschen, die Regeln für Lehrlinge und Gesellen vor knapp 500 Jahren oder um das Lumpensammeln ging – Antje Henkel-Schilbach „fraß“ förmlich alles, was sich um die Mühle und die Kunst des Papiermachens drehte: „Ich wollte immer mehr lernen und erfahren.“ In den ersten Jahren nutzte sie dieses neue Wissen für ihre Führungen durch das Museum oder Vorträge rund um das Mühlenleben und das alte Handwerk des Papiermachers. Möglicherweise wuchs in diesen Jahren im Unterbewusstsein der Museumsmitarbeiterin die Idee für einen Roman über das Leben in der Niederzwönitzer Mühle vor über 400 Jahren …
Doch bis es so weit war, sollte noch viel Wasser über das Mühlrad rauschen …
Es war keine leichte Zeit für Antje Henkel-Schilbach: Kaum Geld, zwei kleine Kinder, eine gescheiterte Ehe – „ich musste mich irgendwie durchschlagen, um uns durchzubringen.“ Auch ihre Kunstarbeiten, ihre Vortragsangebote und Seminare ließen die Rubel nicht so rollen, wie erhofft. Doch die Schriftstellerin in spe war zäh und trotzte allen Widrigkeiten, bewies, dass sie es schaffen würde. Und von Tag zu Tag wuchs ihr Wissen über die Papiermühle. Was ihren Forschungen nur zugute kam. Gemeinsam mit Museumsdirektor Eckhard Stölzel und den Heimatforschern aus der Region wurden die Chronik und die Ereignisse jener Zeit zusammengetragen.
Sie ermittelten die Eigentümer ab 1568 bis heute.
Kochrezepte aus der damaligen Zeit, Sitten und Bräuche rund um den Papiermacherberuf und das gesellschaftliche Leben im Erzgebirge – immer mehr Dokumente entdeckte das Mühlenteam in alten, verstaubten Truhen und Kisten.
Jedes einzelne Blatt Papier, jede Unterlage, jedes Dokument komplettierte nicht nur die Geschichte der Papiermühle, sondern wurde zu einem wichtigen Mosaikstein für den Roman „Die Frau des Papiermachers“, den Antje Henkel-Schilbach 2022 begann auf Papier zu bringen und der Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde.
„Es ist die Geschichte von Magdalena, die anno 1600 mit Hans, dem Sohn des ersten Besitzers der Niederzwönitzer Papiermühle, Barthel Abt verheiratet wird.“
Fortan ist sie nicht nur für den gesamten Haushalt der Mühlenbewohner zuständig, sondern muss auch schrittweise Papiermachen lernen, um überall zu helfen, wo Not am Mann ist. Obwohl Magdalena noch fast ein Mädchen ist, trotz sie zäh allen Widrigkeiten und wächst immer mehr in das von harter Arbeit und Naturgewalten geprägte Leben einer Papiermüllerin hinein. Zu ihren Aufgaben zählt auch, einen männlichen Erben auf die Welt zu bringen, damit die Familie Abt nicht ausstirbt.

Aus der Historie wird endlich ein Buch auf feinstem Papier

Verschiedene Arbeitsschritte werden von der Papiermacherin demonstriert.©T.Pfundtner 

Mit „Die Frau des Papiermachers“ gelang Antje Henkel-Schilbach ein Erstling, der in vielerlei Hinsicht mehr als beeindruckt.
Sanft wie der Mühlbach, aber auch laut knarrend wie das Mühlrad, fließt das Buch durch die Jahre und lässt so die Vergangenheit lebendig werden. „Für mich war es wichtig, Magdalenas Geschichte mit dem Jahresverlauf der Papiermacherzunft zu verbinden“, sagt Autorin Henkel-Schilbach und fährt fort: „so wurde es möglich, ihr Leben zu schildern und gleichzeitig meinen Lesern die Faszination des Papiermachens näherzubringen.“
Das ist gelungen: beide Erzählstränge funktionieren nebeneinander perfekt. Der Leser wird von dem Schicksal Magdalenas – bis hin zu einem dramatischen Ende – mitgerissen. Darüber hinaus lernt er alles über eine jahrhundertealte Handwerkskunst, die es wert ist, sich ihrer zu erinnern und sie zu würdigen. Trug das Papiermachen doch weltweit mit zu wirtschaftlichem Fortschritt und technologischer Entwicklung bei.
Bis der Roman allerdings veröffentlicht werden konnte, galt es einige Hürden zu bewältigen: „Ich habe das Manuskript an einen Verleger geschickt, der Magdalenas Geschichte sofort veröffentlichen wollte.“
Allerdings schwebte dem Verlag vor, den Titel mittels eines KI-Bildes zu veröffentlichen. Die Autorin erinnert sich: „Ich war nicht begeistert, sagte aber nichts, wollte ich doch unbedingt eine Veröffentlichung.“ Doch ihre Töchter, damals 15 und 17 Jahre alt, protestierten massiv. Drei Jahre hatten sie die Entstehung des Romans hautnah miterlebt, kannten die Wünsche und Vorstellungen ihrer Mutter bis ins Detail. Und nun ein KI generierter Titel? Unmöglich. „Das kannst Du nicht machen“, intervenierten die Mädchen, „such Dir bitte einen anderen Verleger. Magdalena hat etwas Besseres verdient.“
Mit einem Grummeln im Bauch zog Antje Henkel-Schilbach einen Strich unter die geplante Veröffentlichung und beendete den Vertrag. „Das hat ziemlich an mir genagt.“
Doch, wo eine Tür zugeht, öffnet sich eine andere: Danilo Schreiter, Inhaber vom Telescope Verlag in Mildenau (www.telescope-verlag.de) war mehr als angetan und berücksichtigte – für ihn selbstverständlich – die Wünsche seiner neuen Autorin: Ein eigens gestaltetes Titelbild, hochwertiger Einband, der mit einem blauen Band verschlossen ist, ein ausführliches Quellenverzeichnis, zahlreiche farbige Illustrationen – fast ausschließlich von Antje Henkel-Schilbach gemalt und vieles mehr. So entstand sowohl inhaltlich als auch optisch ein wunderbar zu lesendes und anzusehendes Buch, das hoffentlich noch viele Leser finden wird. Sicher, mit 29 Euro ist das Buch nicht preiswert. Aber glauben Sie mir: Es ist jeden Cent wert.

Die Autorin mit ihrem Buch am Mühlrad.©T.Pfundtner

Die Zeiten ändern sich
Mittlerweile arbeitet Antje Henkel-Schilbach nicht mehr in der Niederzwönitzer Papiermühle. Gemeinsam mit dem einstigen Museumsdirektor Stölzel Eckhard betreibt sie heute eine mobile Papiermacherei (www.kunst-aus-der-mühle.de), schreibt am zweiten Teil ihrer Romanreihe und hat einen neuen Job angefangen: Als Mitarbeiterin im Schloss Wolkenstein kümmert sie sich um alles rund um das Museum. Und: Dort richtet Antje Henkel-Schilbach eine Werkstatt ein, um „Wolkensteiner Schloss-Papier“ herzustellen.

Der Debütroman mit selbstgestaltetem Cover.©T.Pfundtner

Hier gibt es das Buch

Shop.telescope-verlag.de
Im Museumsshop auf Schloss Wolkenstein (www.schloss-wolkenstein.de)
In ausgewählten Buchhandlungen in der Region rund um die Papiermühle Niederzwönitz.
Sie können „Die Frau des Papiermachers“ auch direkt in jeder Buchhandlung bestellen.

Die Papiermacherin und Autorin Antje Henkel-Schilbach.©T.Pfundtner 

Hier liest die Autorin

01.08. Pop Up Galerie Zwönitz, 17 Uhr
03.09. Lesebühne ERZählt/ Rochhausmühle Grünhainichen, 19 Uhr
11.09. Peter-Paulskirche Grünhain-Beierfeld, 17Uhr
20.09. Literarische Wanderung 10 Uhr, Treffpunkt: Eingangstor Papiermühle Niederzwönitz
26.09. Lesebühne ERZählt/ Papiermühle Niederzwönitz, 18 Uhr
05.11. Lesebühne ERZählt/ Stadtbibliothek Stollberg, 17 Uhr
18.12. Areal Stalburg,| Hoheneck, Stollberg, 18 Uhr
19.12./20.12. Schlossturm Auerbach, Vogtland, 17 Uhr

Eindrücke aus der Papiermühle mit verschiedenen, historischen Dokumenten.©T.Pfundtner