Zwei Senioren verblüffen Konkurrenz bei Weltmeisterschaft im Kraftdreikampf
Zwei Weltrekorde und ein Vizeweltmeistertitel
Mit 71 und 81 Jahren noch zur Weltelite gehören? Für Klaus Kosink und Günter Wenzik aus der Stendaler Turnstube ist das keine Wunschvorstellung, sondern gelebte sportliche Leidenschaft. Bei der Weltmeisterschaft im Kraftdreikampf bewiesen die beiden Athleten eindrucksvoll, dass außergewöhnliche Leistungen keine Frage des Alters sind. Am Ende standen ein Vizeweltmeistertitel, zwei Weltrekorde und jede Menge Emotionen.
Der Weg zur Weltmeisterschaft begann bereits im Frühjahr. Bei den Deutschen Meisterschaften in Barleben hatten sich Klaus Kosink und Günter Wenzik jeweils den Deutschen Meistertitel gesichert und damit für die internationale Bühne qualifiziert. Am 30. September war es schließlich so weit: Die beiden Stendaler sollten sich mit der Weltelite im Kraftdreikampf messen.
Der Kraftdreikampf besteht aus drei Disziplinen: Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben. Dabei kommt es nicht nur auf enorme Muskelkraft an. Auch die Technik muss stimmen – und darüber entscheiden drei Kampfrichter mit äußerst kritischen Augen.

Blick auf die Wettkampfstätte in der Mittellandhalle Barleben.©T.Pfundtner

Günter Wenzik bei seinem Wettkampf.©T.Pfundtner
Von Dirk Henning
(Mitbegründer der Stendaler Kraftsportgruppe „Turnstube“)
Was folgte, war ein Wettkampf, der an Spannung kaum zu überbieten war. Schon der Auftakt war dramatisch, denn die drei Kampfrichter kennen keine Gnade. Das bekamen beide Stendaler gleich zu Beginn zu spüren.
Sowohl Klaus Dieter Kosink als auch Günter Wenzik scheiterten bei ihren ersten beiden Kniebeugenversuchen an kleinen technischen Fehlern. Die Gewichte waren dabei keineswegs das eigentliche Problem. Vielmehr entschieden minimale Abweichungen über gültig oder ungültig. Stimmen mindestens zwei der drei Kampfrichter gegen einen Versuch, wird dieser nicht gewertet.
Für Günter Wenzik, mit 81 Jahren der ältere der beiden Athleten, wurde der dritte Versuch besonders bitter. Er bewältigte das Gewicht, stand bereits wieder aufrecht – doch dann machte er einen kleinen Schritt nach hinten. Ein scheinbar unbedeutender Bewegungsfehler, der nach dem strengen Regelwerk zur Ungültigkeit führte.
Damit war für Günter Wenzik der Wettkampf leider vorzeitig beendet.
Eine besonders schmerzliche Entscheidung, denn Günter war in seiner Altersklasse über 75 Jahre der einzige qualifizierte Teilnehmer dieser Weltmeisterschaft. Er hatte sich seinen Startplatz als Deutscher Meister redlich verdient und war bereit, sich auch international zu beweisen.
Für seine Trainingskameraden steht deshalb fest: Günter ist und bleibt ein Champion. Schließlich muss man erst einmal 81 Jahre alt werden und dann noch die körperliche Leistungsfähigkeit besitzen, auf diesem Niveau gegen die internationale Konkurrenz anzutreten.
Aus Sicht der Stendaler Turnstube ist Günter Wenzik deshalb ohnehin der Beste der Welt in seiner Altersklasse innerhalb dieses Verbandes. Auch wenn die offizielle Ergebnisliste diesmal keinen Titel für ihn ausweist.

Klaus Kosink während des Wettkampfs.©T.Pfundtner

Günter Wenzik und Klaus Kosink beim Aufwärmen und Dehnen.©T.Pfundtner
Klaus Kosink kämpft sich zurück
Auch für den 71-jährigen Klaus Kosink begann der Wettkampf alles andere als nach Plan.
Nach zwei ungültigen Kniebeugen stand er im dritten Versuch mächtig unter Druck. Ein weiteres Scheitern hätte auch für ihn das vorzeitige Aus bedeutet.
Doch Klaus Kosink behielt die Nerven. Mit 100 Kilogramm gelang ihm endlich ein gültiger Versuch.
Die Erleichterung war groß, die Zufriedenheit zunächst weniger. Eigentlich hatte er sich für seinen dritten Versuch 120 bis 130 Kilogramm vorgenommen. Die Kraft dafür war vorhanden, doch die strenge technische Bewertung zwang ihn zu einer vorsichtigeren Entscheidung.
Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnte: Die große Stunde des Stendalers sollte erst noch kommen.
80 Kilogramm auf der Bank – der erste Weltrekord!
Beim Bankdrücken zeigte Klaus Kosink, was wirklich in ihm steckt.
Mit 60 Kilogramm begann er sicher, steigerte anschließend auf 70 Kilogramm und drückte schließlich im dritten Versuch beeindruckende 80 Kilogramm.
Persönliche Bestleistung und neuer Weltrekord in seiner Altersklasse!
Weil alle drei regulären Versuche gültig waren, durfte Klaus einen zusätzlichen vierten Versuch unternehmen, um den Rekord weiter zu verbessern. Er ließ 82,5 Kilogramm auflegen.
Die Spannung stieg noch einmal. Doch diesmal fehlte ein kleines Stück zum Erfolg. Der Versuch wurde ungültig gewertet.
Das änderte allerdings nichts an der Freude: Die 80 Kilogramm waren geschafft, der Weltrekord stand!
„Zieh! Zieh! Zieh!“ – ein Finale, das niemand vergisst

Teilnehmende Mannschaften aus 24 Nationen.©T.Pfundtner

Klaus Kosink mit Trainer beim Kampfgericht.©T.Pfundtner
Was dann beim Kreuzheben geschah, wurde zum emotionalen Höhepunkt des Tages.
Klaus Kosink begann mit 120 Kilogramm. Sicher geschafft.
Im zweiten Versuch ließ er bereits 140 Kilogramm auflegen – seine bisherige persönliche Bestleistung. Auch dieses Gewicht brachte er erfolgreich nach oben. Jetzt war klar: Heute konnte noch mehr gehen.
Für den dritten Versuch entschied er sich für 150 Kilogramm. Zehn Kilogramm mehr als jemals zuvor im Wettkampf.
Die Hantel lag schwer auf dem Boden. Klaus konzentrierte sich, griff zu und zog. Zentimeter für Zentimeter bewegte sich das Gewicht nach oben. Schließlich stand er aufrecht.
Geschafft! Wieder eine persönliche Bestleistung!
Doch damit war noch lange nicht Schluss.
Weil Klaus Kosink auch beim Kreuzheben alle drei regulären Versuche erfolgreich absolviert hatte, durfte er einen zusätzlichen vierten Versuch für einen neuen Weltrekord unternehmen: 160 Kilogramm!
Eine unglaubliche Last für einen 71-jährigen Sportler. Aber er wollte es wissen.
Die Stimmung in der Halle war inzwischen auf dem Höhepunkt. Die Musik trieb die Athleten an, das Publikum fieberte mit, und die Trainingskameraden feuerten ihn lautstark an. „Zieh! Zieh! Zieh!" Klaus Kosink zog. Die Hantel bewegte sich nach oben. Langsam, schwer, aber unaufhaltsam. Schließlich stand er aufrecht, die 160 Kilogramm fest in den Händen.
Geschafft! Der zweite Weltrekord war perfekt. Die Freude war riesig. Aus einem Wettkampf, der mit zwei ungültigen Kniebeugen beinahe in einer Enttäuschung geendet hätte, war ein unvergesslicher sportlicher Erfolg geworden.

Vizeweltmeister gegen die internationale Konkurrenz
Mit seinen Leistungen sicherte sich Klaus Kosink in der Altersklasse 70 bis 74 Jahre und der Gewichtsklasse bis 125 Kilogramm den Vizeweltmeistertitel.
Weltmeister wurde Boris Rybak aus Moldawien, der mit einer Gesamtleistung von 540 Kilogramm eine beeindruckende Vorstellung ablieferte.
Da der Moldawier als Profi antrat und seine Leistungen deshalb für die betreffende Rekordwertung nicht berücksichtigt wurden, konnte Klaus seine beiden Weltrekorde offiziell in die Rekordliste eintragen lassen.
Für den Stendaler war das ein außergewöhnlicher Erfolg: Mit 71 Jahren zwei Weltrekorde aufzustellen und als Vizeweltmeister nach Hause zu fahren, ist alles andere als selbstverständlich.
Vor allem aber zeigte Klaus eine Eigenschaft, die im Sport oft wichtiger ist als reine Muskelkraft: Er gab auch dann nicht auf, als der Wettkampf zunächst gegen ihn zu laufen schien.

Kurze Pause am Rand des Wettkampfgeschehens.©T.Pfundtner
In der Turnstube zählt mehr als nur die Maximalkraft
Wer nun glaubt, dass in der Stendaler Turnstube ausschließlich schwere Hanteln gestemmt werden, liegt allerdings falsch.
Das Training dort verfolgt einen deutlich umfassenderen Ansatz. Im Mittelpunkt steht das funktionelle Training mit einer ausgewogenen Kombination aus Beweglichkeit, Kraft, Kraftausdauer und Koordination.
Gerade im höheren Lebensalter ist es entscheidend, nicht nur einzelne Muskeln zu stärken, sondern den gesamten Körper leistungsfähig zu halten. Beweglichkeit, Gleichgewicht, Stabilität und die Fähigkeit, alltägliche Belastungen sicher zu bewältigen, stehen deshalb regelmäßig auf dem Trainingsplan.
Die Maximalkraft, wie sie beim Kraftdreikampf gefordert wird, ist dabei nicht der eigentliche Schwerpunkt. Sie ist vielmehr eine besondere Fähigkeit, die sich auf der Grundlage jahrelangen, regelmäßigen Trainings entwickeln lässt.
Günter Wenzik und Klaus Kosink zeigen eindrucksvoll, was möglich ist, wenn man auch im fortgeschrittenen Alter konsequent an seiner körperlichen Fitness arbeitet.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieser Weltmeisterschaft: Man muss nicht mit 70 oder 80 Jahren anfangen, kürzerzutreten. Wer gesund bleibt, vernünftig trainiert und Freude an Bewegung hat, kann auch in diesem Alter noch erstaunliche Leistungen vollbringen.

Kosink und Wenzig in der „Turnstube".©T.Pfundtner
Nach der Weltmeisterschaft ist vor der Weltmeisterschaft
Die gesamte Veranstaltung war von einer hervorragenden Atmosphäre geprägt. Kraftvolle Musik, begeisterte Zuschauer und Zuschauerinnen sowie gegenseitige Unterstützung sorgten dafür, dass die Athleten immer wieder über sich hinauswachsen konnten.
Auch der zeitliche Ablauf passte: Da die beiden Wettkämpfer erst am Nachmittag an den Start gingen, blieb ihnen ein übermäßig langer Wettkampftag erspart.
Nun heißt es zunächst, die vielen Eindrücke zu verarbeiten, sich zu erholen und anschließend das regelmäßige Training in der Stendaler Turnstube fortzusetzen. Allerdings sind die nächsten Ziele bereits ins Auge gefasst.
Im kommenden Jahr sollen zunächst wieder die Deutschen Meisterschaften bestritten werden. Die nächste Weltmeisterschaft findet in Wien in Österreich statt. Natürlich hoffen beide Athleten, dort erneut an den Start gehen zu können.
Bis dahin stehen Gesundheit, Beweglichkeit und der weitere Aufbau der körperlichen Leistungsfähigkeit im Vordergrund.
Denn bei allem sportlichen Ehrgeiz bleibt eines entscheidend: möglichst lange gesund, selbstständig und leistungsfähig zu bleiben.
Günter Wenzik und Klaus Kosink haben eindrucksvoll gezeigt, dass sportlicher Ehrgeiz kein Verfallsdatum kennt. Der eine bewies mit 81 Jahren den Mut, sich auf der Weltbühne zu messen. Der andere krönte mit 71 Jahren seinen Wettkampf mit zwei Weltrekorden und dem Vizeweltmeistertitel.
Zwei Sportler, zwei beeindruckende Geschichten und eine gemeinsame Botschaft: Für große sportliche Leistungen ist es niemals zu spät.