Interview mit dem britischen Historiker Daniel Lee

Daniel Lee

 

„Nazi-Gräuel: Spätestens 1941 wussten viele Deutsche Bescheid“

 

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Daniel Lees Forschungsschwerpunkte sind der Zweite Weltkrieg, der Holocaust und die Geschichte der Juden in Frankreich und Nordafrika. Lee hat in Oxford promoviert und unter anderem in Yad Vashem und am United States Holocaust Memorial Museum gelehrt. Derzeit arbeitet Daniel Lee an der Queen Mary University of London. Auch schreibt er regelmäßig Rundfunkbeiträge für die BBC. Foto: Jules Annan

Über Daniel Lee wusste ich nichts, als ich im Netz auf sein Buch Der Sessel stieß. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Zweite Weltkrieg, der Holocaust sowie die Geschichte der Juden in Frankreich und Nordafrika. Daniel Lee promovierte in Oxford und hatte Lehraufträge am Institute of Historical Research, am European University Institute, in Yad Vashem und am United States Holocaust Memorial Museum. Derzeit lehrt er Modern French History an der University of London. Er verfasst regelmäßig Rundfunkbeiträge für die BBC und lebt in London.
Daniel Lees erstes Buch Pétains Jewish Children: French Jewish Youth and the Vichy Regime, 1940–42 erschien 2014 und untersuchte die Koexistenz zwischen jungen französischen Juden und dem Vichy-Regime.
2020 erschien sein zweites Buch The SS Officer’s Armchair: In Search of a Hidden Life, das in Deutschland Anfang 2021 unter dem Titel Der Sessel – Eine Spur in den Holocaust und die Geschichte eines ganz normalen Täters bei dtv veröffentlicht wurde.
Es ist die Geschichte eines rangniedrigen SS-Offiziers, der für seine Karriere über Leichen geht. Daniel Lee erfuhr wenige Wochen nach seiner Promotion zufällig von einem mysteriösen Dokumentenfund in einem alten Armsessel, der ihn auf die Spur des Stuttgarter Robert Griesinger führte, dessen Leben er minutiös nachzeichnet. Dafür recherchierte er fast zehn Jahre. Seine Spurensuche führte ihn nach Stuttgart, Berlin, Prag sowie in die USA und die Schweiz.
Nachdem ich das Buch gelesen hatte, war mir klar, dass ich unbedingt mit Daniel Lee reden wollte. Der Grund: Der Sessel ist eines der wenigen Bücher über den Nationalsozialismus, das versucht, anhand eines normalen Menschen zu erklären, warum so viele Deutsche Hitler und seinen perfiden Theorien verfallen konnten, beziehungsweise bereit waren, ihm zu folgen.
Am 5. Juli 2021 war es so weit: Fast 90 Minuten konnte ich per Skype mit Daniel Lee über sein Buch Der Sessel sprechen. Lesen Sie selbst.

„Es kommt immer wieder vor, dass in alten Möbelstücken bemerkenswerte Fundstücke aus der Vergangenheit auftauchen“, sagt Historiker Daniel Lee. So war es auch bei dem Grundmaterial für das Buch Der Sessel. Kurz nach seiner Promotion bittet eine Freundin Daniel Lee um Hilfe. Ihrer Mutter war in den Niederlanden etwas Merkwürdiges mit einem alten Lehnsessel passiert, den sie zu einem Polsterer gegeben hatte. Das war der Anfang zu einer langen Recherche, die Daniel Lee bis nach Amerika führte. Foto: Jules Annan

Herr Lee, in Ihrem Buch Der Sessel folgen Sie den Spuren eines jungen Juristen aus Stuttgart, der aus gutem Hause kam und dann zu einem ehrgeizigen Beamten des Nazi-Regimes wurde und nicht nur Juden ins Elend schickte.
Das ist richtig. Bereits 2011 hatte mich eine Bekannte um meinen Rat gebeten.

Welchen?
Es ging um ihre Mutter. Sie hatte in Amsterdam einen alten Lehnsessel zu einem Polsterer gebracht. Als sie das alte Stück wieder abholen wollte, traf sie auf einen empörten Polsterer, der erklärte, er würde nicht für Nazis und ihre Familien arbeiten.

Was war passiert?
Er legte der Mutter meiner Bekannten ein Bündel Papiere aus der Nazi-Zeit vor, die er im Sitzkissen des Sessels entdeckt hatte. Es waren Dokumente eines gewissen Robert Griesinger. Der Polsterer glaubte wohl, er hätte es mit der Tochter dieses Nazis zu tun. Und mit Nazis und deren Angehörigen wollte er nichts zu tun haben.

Mit dem Einverständnis Ihrer Bekannten und deren Mutter, machten Sie sich dann auf die Spuren dieses vermeintlichen Nazis.
Richtig, und es wurde eine abenteuerliche Reise, die mich nach Stuttgart, Berlin, Zürich, Prag und New Orleans führte.

Was haben Sie herausgefunden?
Tatsächlich war Robert Griesinger politisch eher unbedarft. Er stammte aus gutem Hause, hatte Jura studiert und einen guten Posten in der Verwaltung. Doch dann nahm sein Leben eine entscheidende Wendung. 1933 schloss sich Robert Griesinger den Nazis an und trat in die Partei ein. Seit 1936 wurde er zusätzlich Mitglied der SS und arbeitete von da an jeden Tag für die Gestapo, indem er als Jurist dafür sorgte, dass die Gesetze, die aus Berlin kamen, in Stuttgart und Württemberg konsequent umgesetzt wurden. Er sorgte dafür, dass viele Sozialdemokraten, Juden, Kommunisten und andere Gegner der Nazis ins Konzentrationslager kamen. Er hatte kein Verständnis für die Schicksale der Menschen, sondern erledigte kalt und analytisch seinen Job.

Nur in Deutschland?
Nein! Auch in der Sowjetunion und in Prag. Im Juni 1941 wurde er eingezogen und ich konnte nachweisen, dass Griesingers Division schon wenige Tage nach dem Einmarsch in die Sowjetunion an der Erschießung von Juden teilgenommen hatte.

Und Prag?
Nachdem Robert Griesinger an der Front verletzt wurde, entschied er alles dranzusetzen, nicht mehr in den Krieg ziehen zu müssen. Er bewarb sich um eine Position im „Protektorat Böhmen und Mähren“ und wurde tatsächlich 1943 nach Prag geschickt. Er arbeitete im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit. Er musste sich nicht nur mit juristischen Fragen bei der Produktion von Glas, Eisen, Buntmetall, Steinen, Gummiwaren, Lederwaren und Tabak beschäftigen. Er hatte außerdem dafür zu sorgen, dass sämtliche Befehle und Dekrete, die fast jeden Tag aus Berlin eintrafen, penibel und prompt umgesetzt wurden.

Also wie in Stuttgart?
Nicht ganz. Griesingers Ministerium in Prag war auch dafür verantwortlich, tschechische Arbeitskräfte – Frauen und Männer – nach Deutschland zu schicken. Ich fand heraus, dass Griesinger allein in seinem ersten Prager Jahr daran beteiligt war, dass 75.000 tschechische Arbeiterinnen und Arbeiter nach Deutschland deportiert wurden und in Fabriken landeten.

Wurde Robert Griesinger jemals für seine Taten belangt?
Kurz vor Kriegsende, genauer gesagt am 5. Mai 1945 brach in Prag das Chaos aus. Tschechische Widerstandskämpfer besetzten den Radiosender und forderten die Bevölkerung zur Rebellion gegen die Deutschen auf. „Tötet die Deutschen, wo immer ihr auf sie trefft“, lautete die Parole. Es wurde ein Massaker. Ab hier verliert sich Griesingers Spur. Fest steht nur, dass später ein offizieller Totenschein auftauchte. Das Dokument nannte als Todesdatum den 27. September 1945. Weiter heißt es, dass Robert Griesinger in der Salmovská, einer kleinen Straße im Zentrum von Prag, an Amöbenruhr gestorben sei.- Also nein.

Herr Lee, Sie haben die Geschichte des Robert Griesingers minutiös über Jahre recherchiert. Wie konnte es überhaupt passieren, dass das sogenannte Bürgertum Hitler und dem Nationalsozialismus verfiel?
Für mich ist sehr interessant, dass so viele Hitler-Anhänger zwischen 1900 und 1910 geboren wurden. Das war ein äußerst schwieriges Jahrzehnt. Diese Menschen waren zu jung, um im Ersten Weltkrieg zu dienen und dann veränderte genau dieser verlorene Krieg von einem auf den anderen Tag ihr ganzes Leben. Nehmen wir Robert Griesinger als Beispiel. Protestantisch, der Vater arbeitete noch für den König von Württemberg und hatte zudem einen militärischen Hintergrund. Es ging der Familie gut. Warum sollten sie sich für demokratische Strukturen erwärmen?
Doch mit der Niederlage 1918 änderte sich alles für sie: Dieser totale Zusammenbruch, die Niederlage – das war zu viel für diese Gesellschaftsschicht. Die Menschen waren müde und verzweifelt. Der Stolz war ihnen gebrochen worden. Und die Zukunftsaussichten waren mehr als schlecht. Genau hier setzte Hitler an: Er nahm erst schleichend, dann immer offensichtlicher, Einfluss auf die verlorenen Generationen und Kriegsverlierer. Er gab ihnen ihren Stolz zurück und versprach ihnen ein glanzvolles Deutschland. Das war Balsam auf die Millionen verlorener Seelen. Und so wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der in der Katastrophe endete.

War das überall in Deutschland damals so?
Das ist das Interessante. Gerade in Stuttgart und Württemberg waren der Nationalsozialismus und die Nazis verpönt. Württemberg hat nicht für Hitler gestimmt. Es gab zahlreiche rechtsgerichtete Parteien, wie die DNVP, in denen sich Leute wie Griesinger wohlfühlten und ihre politische Heimat fanden. Nach meinen Recherchen war Robert Griesinger weder links noch liberal und mit der Nazi-Ideologie konnte er nichts anfangen. Die Dokumente beweisen, dass er erst viel später in die Partei eingetreten ist als Millionen andere. Sein familiärer Hintergrund, die gesellschaftliche Schicht, in der er sich bewegte, seine Verbindungen – das alles hätte ihn möglicherweise auch weiterhin geschützt. Doch dann wurde ihm die Karriere wichtiger als sein bisheriges Leben und er trat in die NSDAP ein, schloss sich Parteiorganisationen an und wurde Mitglied in der SS.

“ Zum Glück wird weltweit vor
einem neuen Holocaust gewarnt“

 

Bereits früh am Anfang seiner Recherche reiste Daniel Lee zum Bundesarchiv nach Berlin: „Ich hatte keine großen Hoffnungen, etwas über den mir Unbekannten zu finden“, sagt Daniel Lee, „schließlich waren gut zwei Drittel aller SS-Mitgliedsakten bei alliierten Bombenangriffen vernichtet worden.“ Doch die Archivmitarbeiter händigten ihm eine Akte aus, die folgendermaßen auf dem Deckblatt bezeichnet war: „Dr. Robert Griesinger, SS-Nummer 161 860“: „Das war mein Durchbruch“, erinnert sich Daniel Lee. Foto: Jules Annan

Ist Robert Griesinger nur ein Beispiel für das Denken und Handeln vieler Menschen damals?
Sicherlich ist er ein Beispiel für die damalige Zeit. Ich habe deshalb versucht, die Geschichte abseits der großen Persönlichkeiten wie Hitler, Himmler, Goebbels oder Frick darzustellen. Damals sahen die Deutschen einen großen Reiz im Nationalsozialismus. Die Fragen, die sich heutige Historiker stellen müssen, sind Fragen wie: „Was macht diese Art von Nationalismus attraktiv?“ oder „Wer wird von den Extremen angezogen?“.
Griesinger und viele andere sind ein Beispiel dafür, dass das, was im Nationalsozialismus passieren konnte, heute genauso wieder geschehen kann. Das sehen wir doch gerade an der rechtsextremen AfD. Eine Partei, die den Holocaust leugnet und für unmögliche, nationalsozialistische Werte eintritt…

…das bedeutet …?
Wenn wir das auf Giesinger runterbrechen, stellen wir fest, dass er eigentlich ein typischer Bürokrat war, der kritiklos die Vorgaben der Obrigkeit erfüllte oder umsetzte.  Neben seiner Arbeit war er hauptsächlich am Glück seiner Familie interessiert. Tatsächlich wohnten er und die Familie ja auch Seite an Seite mit den Menschen, die er später jagte. Es lebten viele Juden in Stuttgart, auch in seiner Nähe.
Es gab buntes, fröhliches jüdisches Leben in den 1930ern. All das kannte Griesinger zur Genüge und hat sich nie daran gestört.
Als Griesinger dann aber für seine Karriere seine national-konservative Einstellung opferte und in die NSDAP eintrat, hat er schnell seine bürokratische Rolle in dem mörderischen System gefunden und gnadenlos mitgespielt – an allen seinen Einsatzorten.
Wie gesagt, genau das könnte jederzeit wieder passieren. Wenn wir ehrlich sind, geschieht es ja auch schon an zahlreichen Stellen – nicht nur in der Bürokratie oder in der Verwaltung.

Was können wir alle gegen diese gefährlichen Strömungen tun?
Wir alle müssen aus der Geschichte lernen und uns die Beispiele der Vergangenheit immer noch sehr viel genauer ansehen. Um überhaupt begreifen zu können, warum der Nationalsozialismus möglich werden konnte. Vor allem müssen wir auch die sogenannten kleinen Handlungen, die sich durch alle Gesellschaftsschichten ziehen, immer wieder kritisch hinterfragen. Zum Beispiel das Ignorieren von Diskriminierungen oder das sogenannte „Wegschauen“. Machen wir uns nichts vor. Das passiert heutzutage überall auf der Welt. Antisemitismus oder Rassismus beginnt nicht mit den großen Taten oder Reden.
Es beginnt in der Stammkneipe, auf dem Fußballplatz oder bei der Arbeit.

Also ist es hoffnungslos?
Nein, natürlich nicht. Wo Schatten ist, ist auch Licht. Zum Glück gibt es weltweit unendlich viele kleine und große Organisationen, die über den Holocaust oder Genozide informieren. Die Tutsi-Ausrottung in Ruanda, die Roten Khmer – es gibt viele Beispiele über Genozide, über die gesprochen werden muss. Die Kernfrage: „Wie haben sie begonnen?“ Wir haben bis heute keine Kristallkugel, in die wir hineinschauen können, um zu sehen, wie alles begann. Deshalb ist es umso wichtiger, an die Anfänge der Entstehung dieser Regime zu gehen.
Wenn wir zurück zu Hitler gehen, müssen wir Historiker auch heute noch nach einer Antwort auf die Frage: „Wie konnte er die Menschen auf seine Seite ziehen und immer weiter nach vorne puschen?“, suchen. Das ist bis heute nicht endgültig beantwortet und geklärt.

Glauben Sie, dass unsere Demokratie in Gefahr ist?
Wenn wir uns vergegenwärtigen, was im Januar dieses Jahres in Washington passierte, als wir miterlebten, wie Menschen förmlich von Polizisten eingeladen wurden, das Kapitol zu stürmen und ins Weiße Haus einzudringen, ja, dann ist der rechte Mob eine große Gefahr. Auch die Sprache, die Politiker mittlerweile verwenden und alles als Lügen abtun, was ihnen nicht in den Kram passt. Da sind wir an einem kritischen Punkt angekommen. Trump hat sein Fake-Argument von gefälschten Wahlen schon vor den Wahlen eingeführt und die Menschen infiltriert. Der Erfolg hat ihm recht gegeben. Aber es ist ja nicht nur Donald Trump. Auch unser Premierminister Boris Johnson hat während der Corona-Pandemie gelogen, dass sich die Balken bogen. Fakt ist: Wir wissen nicht mehr, was die Wahrheit ist. Das ist ein gefährlicher Nährboden. Die Menschen haben diese Lügen satt und sie wenden sich von der Politik ab, nach dem Motto: Ich kann ja eh nichts machen!

 „Die Proteste in der Rosenstraße:
ein Zeichen für Widerstand“

Seitdem Daniel Lee sein Buch Der Sessel veröffentlicht hat, ist er als Gesprächspartner ein viel gefragter Mann. Der Grund ist schnell erklärt: Daniel Lee ist es mit seinem Buch gelungen, zu zeigen, wie es kommen konnte, dass gerade besonders viele Menschen aus der Mittelschicht sich mit Begeisterung der NSDAP und Adolf Hitler anschlossen. Außerdem erzählt er die Geschichte eines ganz normalen Täters, der seine Legitimation ausschließlich aus Gesetzen und Verordnungen eines terroristischen und perfiden Systems gezogen hat. Foto: Jules Annan

Kehren wir in die Vergangenheit zurück. Glauben Sie, dass die Deutschen nicht wussten, was mit den Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen und anderen Verfolgten geschah?
In dem Moment, als die normalen Wehrmachtssoldaten im Juni 1941 Richtung Osten zogen, wussten die Menschen ganz genau, was passierte. Es gibt unzählige Briefe in die Heimat, zum Beispiel aus der Ukraine, in denen die Gräueltaten beschrieben wurden. Uns liegen Fotos über die systematische Ermordung – durch Erschießen – der jüdischen Bevölkerung der Ukraine im Juni und Juli 1941 vor.
Diese Briefe mit den Bildern wurden an die Ehefrau, Freundin, Verwandte, Bekannte und sogar Priester geschickt. Die Zensur konnte dieser Briefe-Flut überhaupt nicht nachkommen. Daraus lässt sich ableiten, dass natürlich viele Deutsche Bescheid über Gräueltaten wussten. Ich weiß nicht, ob die Menschen in Nazi-Deutschland bereits von der systematischen Vernichtung in den Gaskammern wussten. Aber, was sie wussten war, dass der jüdische Nachbar, der bis gestern nebenan lebte, nun nicht mehr dort war.
Ich bin fest davon überzeugt, die meisten wussten, dass Juden, Kommunisten, Demokraten, Homosexuelle verfolgt und deportiert wurden. Wie konnte jemand das auch nicht mitbekommen? Viele sind mitgelaufen und haben geschwiegen. Aber es gab auch Widerstand. Zum Beispiel die Rosenstraßen-Proteste 1943.

Erzählen Sie uns bitte davon…
Gern. Es ist eine interessante Geschichte. Am 27. Februar 1943 starteten SS und Gestapo die sogenannte „Fabrikaktion“. Ziel war, die noch in Berlin verbliebenen Juden zu verhaften und in Sammellager zu bringen. Über 8.000 Frauen, Männer und Kinder wurden festgesetzt. Unter ihnen waren auch viele Partner aus sogenannten deutschblütigen Mischehen und Geltungsjuden, also jene Menschen, die nur per Definition als Juden galten. Insgesamt waren das etwa 2.000 Personen. Sie wurden separiert und in das Gebäude der ehemaligen Behörde für Wohlfahrtswesen und Jugendfürsorge der Jüdischen Gemeinde verbracht. Es stand in Berlin-Mitte in der Rosenstraße 2 – 4, unweit des Alexanderplatzes. Schon am Abend versammelte sich vor dem Gebäude eine Menschenmenge, die sich vorwiegend aus Frauen und Angehörigen der Inhaftierten zusammensetzte und unüberhörbar die Freilassung der Inhaftierten forderte.

Also Widerstand gegen die Nazis und ihr menschenverachtendes System?
Ja. Auch in den nächsten Tagen verharrten diese mehrere hundert, ständig wechselnde Teilnehmerinnen dort. Die Polizei forderte die Frauen mehrfach auf, die Straße zu verlassen. Sie wichen aber nur in Seitenstraßen aus, um kurz danach zurückzukommen. Zeugen berichteten später, dass die Polizei mit dem Einsatz von Waffen drohte und einige der Demonstrantinnen verhaftete.
Gut eine Woche später, am 5. März, wurden 25 der Inhaftierten aus der Rosenstraße in das KZ Auschwitz III Monowitz deportiert. Sie wurden jedoch schon nach wenigen Wochen zurückgeholt und entlassen. Wahrscheinlich hatten übereifrige Gestapobeamte Vorgaben nicht eingehalten, nach denen bestimmte Gruppen von der Deportation verschont bleiben sollten.

Zufall oder Ergebnis des Widerstands?
Schwer zu beurteilen. Fest steht: Bereits seit dem 2. März und in den beiden nächsten Wochen wurden die in der Rosenstraße versammelten Juden aus „Mischehen“ sowie „Geltungsjuden“ und einige „Ausnahmefälle“ nacheinander freigelassen. Wahrscheinlich kamen fast alle dieser 2000 in die Rosenstraße verlegten Personen wieder frei, nachdem ihre Angaben zeitaufwändig überprüft worden waren und ihr „Status“ zweifelsfrei feststand. Die aus dem Gewahrsam in der Rosenstraße Entlassenen mussten sich beim Arbeitsamt melden und wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Vielen wurde eine Arbeit bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und deren Einrichtungen zugewiesen. Dort ersetzten sie „volljüdische“ Arbeitskräfte, die deportiert worden waren.

Ihre Meinung dazu?
Ich glaube, Goebbels hat die Aktion aufgrund des Protestes einstellen lassen. Dagegen spricht, dass sie jedoch beschleunigt nach den ursprünglichen Anweisungen fortgeführt wurde. Und Goebbels beanstandete am 11. März 1943 lediglich die verfrühte Verhaftung von Juden aus privilegierten „Mischehen“: „Die Evakuierung der Juden aus Berlin hat doch zu manchen Misshelligkeiten geführt. Leider sind dabei auch die Juden und Jüdinnen aus privilegierten Ehen zuerst mit verhaftet worden, was zu großer Angst und Verwirrung geführt hat“, sagte er. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Proteste der Frauen Wirkung gezeigt haben.

Mögen Sie eigentlich Deutschland?
Natürlich. Es war wunderbar in Ihr Land zu kommen und meine Recherchen für das Buch zu betreiben. Ich war lange in Stuttgart. Nicht nur in den Archiven. Ich habe Robert Griesingers Haus besucht. Ich habe Maultaschen kennengelernt. Delicious! Ich war schon des Öfteren in Deutschland, aber Stuttgart kannte ich noch nicht. Es hat sich gelohnt.
Meine Urgroßeltern stammen aus Frankfurt. In den 1920ern, lange vor Hitler. Als ich in Frankfurt war, habe ich die Gräber meiner Verwandten auf dem jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße besucht und gesehen, dass Deutschland einmal ein sehr sicherer Platz für Juden war. Meine Vorfahren kamen als Emigranten aus Osteuropa nach Deutschland. Sie wollten nie aus Deutschland weg. Aber vieles ist anders gekommen.

Mögen Sie die Deutschen?
Ich habe tolle Erfahrungen mit Deutschen gemacht. Die Griesingerfamilie hat sich mir gegenüber total offen gezeigt. Auskunftsfreudig, sie wollten mit mir reden, sie wollten alles über das Buch erfahren, sie haben mich in ihre Häuser und Wohnungen eingeladen. Sie zeigten sich großzügig.
Das Gleiche passierte mir in den Archiven und Bibliotheken. Die Mitarbeiter haben mich unterstützt, wo sie nur konnten. Alle waren äußerst zuvorkommend.
Es gab aber auch Probleme. Zum Beispiel, dass es in den Archiven kein Internet gab. Für einen englischen Historiker unvorstellbar. Da muss Deutschland noch eine Menge unternehmen, um international nicht den Anschluss zu verpassen. Aber ganz ehrlich, ich habe auch negative Eindrücke sammeln müssen…

… erzählen Sie bitte.
Eine von Robert Griesingers Töchtern lebt in der Nähe von Nürnberg. Also nutzte ich die Gelegenheit das Museum „Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände“ zu besuchen. Es war ein sehr heißer Tag, ich glaube, es war September oder Oktober. Als ich am ehemaligen Reichsparteitagsgelände ankam, entdeckte ich einige Neonazis, die Fotos machten, dann ihre Hände zum Hitlergruß erhoben und laut „Heil Hitler“ riefen. Es war unglaublich. So etwas hatte ich noch nirgendwo auf der Welt erlebt. Neonazis in Nürnberg, an einem wunderbaren Sonnentag. Es lief mir eiskalt den Rücken runter.

Das ist erschreckend, aber passiert an vielen Orten. Im Osten Deutschlands gibt es mittlerweile ganze Ortschaften oder Gemeinden, die fest in rechter Hand sind. Neonazis scheuen sich nicht mehr, ihre Gesinnung zu verbergen, überall rechtsextreme Demonstrationen und die AfD, die aus ihren extrem rechten Tendenzen keinen Hehl macht.
Gefährlich und beängstigend. Ich glaube, viele der Ursachen liegen nach wie vor in der unmittelbaren Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie haben die jungen Menschen, die in den 40er Jahren geboren wurden, in den 50er und 60er Jahren gefühlt und gedacht – als sie bei ihren Eltern auf eine Mauer des Schweigens stießen? Als sie mitbekamen, wie Adenauer Nazis amnestiert hat. Als sie erlebten, wie immer mehr Nazis in der Anonymität verschwanden. Die Älteren wollten vergessen und nach vorne schauen. Die Jüngeren hatten unendlich viele Fragen, die nicht beantwortet wurden. Die Kinder von Robert Griesinger haben es mir bestätigt: Für sie waren es schwierige Zeiten in einem sehr schwierigen Deutschland.

Antisemitismus bekommt immer mehr Raum, jüdisches Leben wird in Deutschland immer weniger akzeptiert, auch wenn unsere Politiker anderes behaupten…
Das ist der absolute Horror. Ich glaube, viele Nachkriegsideen sind gescheitert. Wir laufen Gefahr, dass die Arbeit von Willy Brandt und anderen, die für die Aussöhnung mit Israel und für das Entschuldigen für den Holocaust standen,  kaputtgemacht wird. Irgendetwas ist da falsch gelaufen…

Dies ist der Sessel, in dem Robert Griesinger seine Dokumente versteckte. Dieser Sessel sollte von einem Polsterer in Amsterdam wieder flottgemacht werden, doch er weigerte sich, da er im Inneren des Sitzmöbels alte Nazipapiere von Robert Griesinger fand und dachte, seine Kundin sei die Tochter des Nazis, der die Papiere verschwinden ließ.
Das zweite Bild zeigt Robert Griesinger als Soldat mit einem der Pferde der 25. Infanterie-Division. Das Bild entstand um 1939. Im August desselben Jahres wurde Griesinger als Wachtmeister (entspricht dem heutigen Feldwebel) eingezogen und zunächst in die Saarpfalz verlegt.
Auf dem dritten Foto sehen wir das Haus der Familie Griesinger in Stuttgart. Es erinnert deutlich an die Bauweise in den amerikanischen Südstaaten. Robert Griesingers Vater Adolf hatte seine Kindheit in Louisiana verbracht und er wünschte sich später ein Haus, das ihn an seine Zeit in den USA erinnern würde.
Das vierte Bild zeigt Gisela und Robert Griesinger während eines Besuchs im Elternhaus in Stuttgart um 1937. Da sein Vater die Nazis hasste, war es Robert verboten in Partei-Uniform zu erscheinen. Daran hielt er sich konsequent, denn er wollte Auseinandersetzungen mit seinem Vater Adolf vermeiden. Interessant: Das Hauspersonal von Adolf Griesinger lehnte den Sohn rundweg ab. Es hielt ihn für einen Snob.
Auf dem fünften Foto sehen wir einen der Pässe, die im Sessel versteckt waren. Dieses Dokument wurde im Dezember 1942 vom Polizeisekretariat in Stuttgart ausgestellt – wenige Monate bevor Griesinger am 8. März 1943 in Prag eintraf, um seine Aufgabe im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit aufzunehmen.
Bild Nummer sechs entstand um 1939:  Robert Griesinger besucht seine Eltern in Stuttgart. Liebevoll hält er seine Tochter Jutta auf dem Arm und präsentiert den kleinen Fratz stolz den Großeltern. Später im Gespräch mit Buchautor Daniel Lee wird sich Griesingers Tochter Jutta an viele Kleinigkeiten über ihren Vater erinnern – zum Beispiel, dass sie ihn nie ohne Krawatte gesehen hat und dass er oft Nasenbluten hatte.
Foto sieben: Dieses Bild entstand 1943 in Prag und zeigt die Griesingers bei einem Spaziergang: Joachim, Jutta, Gisela, Robert und Barbara sowie den Familienhund, ein kleiner Schnauzer.
Robert Griesinger in Wehrmachtsuniform um 1939 sehen wir auf Bild acht. Er gehörte zur 25. Infanterie-Division (siehe Bild zwei).  In den ersten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurde die Division nicht an die Front verlegt, sondern war in der Saarpfalz nur mit Übungen, marschieren und warten beschäftigt.
Bilder neun und zehn:1921 wurde Robert Griesinger in Stuttgart konfirmiert. Auf dem Bild, das seine Mutter nach der Feier an die Verwandtschaft schickte,  sieht der junge Griesinger aus wie ein Chorknabe. Tatsächlich beschrieb Wally Griesinger ihren Sohn immer als glückliches, freundliches und bescheidenes Kind. Das letzte Porträt wurde im Juli 1925 aufgenommen, kurz nachdem Robert Griesinger in Tübingen in die Studenten-Verbindung „Corps Suevia“ aufgenommen wurde. Er war Mitglied 881 – auch der Bruder seines Großvaters, Julius von Griesinger, war seit 1855 Mitglied der „Suevia Tübingen“.
Alle Fotos stammen aus den Privatarchiven von Mitgliedern der Familie Griesinger.

Buch von Daniel Lee

2021-09-28T14:33:53+00:00
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