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Das Buch Der Sessel von Daniel Lee zählt für mich zu den wichtigsten Sachbüchern 2020/2021. Der Grund ist schnell erklärt: Anhand der Geschichte des Stuttgarters Robert Griesinger analysiert der britische Historiker bis ins kleinste Detail, wie es dazu kommen konnte, dass gerade die gesellschaftliche Mittelschicht – also das nationalkonservative Bürgertum –  Adolf Hitler und seinen Spießgesellen verfallen konnte.
Lee selber sagt dazu: „Die Biografien und Motivationen von Nazi-Größen wie zum Beispiel Hermann Göring oder Albert Speer sind hinlänglich bekannt und untersucht. Aber über die Geschichten der normalen Menschen und ihre Gedanken wissen wir noch viel zu wenig. Auch einfache SS-Offiziere kommen in der wissenschaftlichen Geschichtsforschung kaum vor. Hier sind wir Historiker nach wie vor gefordert.“ Für Lee steht fest, dass Griesinger zu der Sorte Mensch gehörte – wie übrigens Millionen andere Deutsche auch – die eigentlich völlig normal und empathisch reagieren konnten, aber sich auch schnell von einer netten Person zu einem gerissenen und abgestumpften Monster wandeln konnte, das sich eiskalt an die Vorgaben und Gesetze der NS-Diktatur hielt.
Sicher, die Verhältnisse im SS-Hauptamt, im Reichssicherheitshauptamt oder im Rasse- oder Siedlungshauptamt sind hinlänglich bekannt, aber Fallstudien, wie die über Robert Griesinger fehlen, um auch die unteren Hierarchieebenen besser verstehen zu können.  Für Daniel Lee besteht hier in der Geschichtsforschung noch erheblicher Nachholbedarf. Es sind diese Gegensätze, die Der Sessel so faszinierend machen.  So erfährt Lee zum Beispiel von einer Tochter Robert Griesingers, wie ihr Vater einem auf der Straße überfahrenen, schwer verletzten Hund half und ihn zum Tierarzt brachte.  Sogar die Jacke des Vaters war blutgetränkt.
Dann wiederum beschreibt Daniel Lee wie Robert Griesinger von seinem Büro aus über das Leben der jüdischen Zwangsarbeiter in den Fabriken und Ziegeleien im Land entschied.
Daniel Lee weist nach, dass ein Beispiel wie Robert Griesinger deutlich macht, dass der Nationalsozialismus nicht einfach vom Himmel fiel, sondern vorher die Weichen für das antisemitische und rassistische Weltbild gestellt wurden.
Gut zehn Jahre hat David Lee für sein Buch recherchiert. Akribisch und bis ins kleinste Detail versuchte er das Leben von Robert Griesinger nachzuzeichnen und versucht sich bei Lücken vorsichtig eines möglichen Geschehens zu nähern, ohne in gewagte Spekulationen auszubrechen.
Wie gründlich Daniel Lee recherchiert hat, ist an dem 62-seitigen Anmerkungsregister nachzuvollziehen und auch das Namensregister ist komplett.
Fazit: An manchen Stellen ist das Buch tatsächlich nur ein nüchternes Sachbuch. Aber im Gesamtkontext eine spannende Erzählung über einen Mann, der sich zum bürokratischen Nazi-Monster wandelte, um ein besseres Leben zu haben. Lehrreich, faszinierend und mehr als lesenswert.