Wenn der Musikexpress durch das Theater donnert…
Glanzvolle Premiere von „Disko“ vor ausverkauftem Haus
Das Musiktheater „Disko" feierte seine Premiere im Großen Haus des Theaters der Altmark in Stendal am 7. März 2026.
Das war ein Theaterabend, der bewies, wie wichtig „Kultur“ für uns Menschen ist. Das Stück von Matthias Brenner mit musikalischen Arrangements von Ludger Nowak reiste mit dem Publikum 60 Jahre zurück und weckte so Erinnerungen, Gefühle und Begeisterung. Publikum. Rock und Pop aus Ost und West. Dazu Klassik und Oper. Eine perfekte Mischung. Nicht zu vergessen: Die Liedertexte sind heute noch genauso aktuell wie einst.

TdA - das Große Haus war ausverkauft!©T.Pfundtner
Von Thomas Pfundtner
Stendal – Ausverkauft! Der große Saal im Theater der Altmark (TdA) platzte bei dieser Premiere am 7. März 2026 aus allen Nähten. Aber es wurde kein Drama von Schiller, Goethe oder Lessing dargeboten. So wie es manche Politiker, die vehement eine Veränderung der Kultur-Szene fordern, gerne sehen würden. Geboten wurde ein Musiktheaterabend, der ein Bruchstück aus dem Leben von 12 Millionen Menschen zeigte, die hinter der Mauer in einer ziemlich beengten Welt lebten. Doch in der „Disko“ konnte der Alltag mit all seinen Sorgen und Nöten sofort vergessen werden. Dort schwebte der Liebesengel über der Tanzfläche und streute Glück und Leichtigkeit über die Gäste...
Eigentlich kein aufschlussreicher Titel, der dennoch sofort Assoziationen an die eigene Jugend, die erste Liebe, den ersten Kuss und die Tränen bei Trennung weckt. Und Lebensfreude vermittelt – fast überall auf der Welt. Nicht mehr und nicht weniger.
Tatsächlich konnte das Publikum nicht ahnen, was es an diesem Abend erwarten würde, denn auch die Beschreibung auf der Internetseite des Theaters ließ nicht erkennen, welcher musikalische Express durch das Theater donnern würde. Mit Ausnahme vielleicht eines Satzes:
„Wenn die Nacht anhebt und die sagenhafte Tripelli ihre Arien schmettert, erwacht die Disko zum Leben, verschmelzen Musik aus Ost und West, Klassik und Moderne …“

Lebensfrohe Sängerinnen und Sänger in „Disko" ©T.Pfundtner
Die Geschichte, geschrieben vom Meininger Schauspieler, Autor und Regiseur, Matthias Brenner, ist schnell erzählt: Nach 60 Jahren kehrt Linda (Patricia Hachtel) in das Haus zurück, in dem sie in der Disko tanzte, schmuste, trauerte und ihre Sehnsucht nach Zukunft begann.
Nun aber ist es ein Geisterhaus, in dem die Gespenster der Vergangenheit eine Heimat gefunden haben. Es sind skurille Gestalten – mit Träumen, Hoffnungen und Lebenslügen. Doch nachts, wenn die rotierende Diskokugel gleißendes Licht in den Raum schleudert, wenn Arien, aber auch Musik aus Ost und West erklingen – dann, ja dann sind sie wieder lebendig und bilden eine verschworene Gemeinschaft, die auf dem Musikexpress durch Vergangenheit und Gegenwart donnern.
Das erinnert an die letzten Live-Konzerte 1988 der legendären Band „Supertramp“ (in Originalbesetzung), die auf überdimensionalen Leinwänden einen Zug rasen ließ, der immer schneller wurde, dass einem schwindelig werden konnte.
Im TdA wurde aber niemandem schwindelig. Im Gegenteil: Das Publikum sprang begeistert mit auf den Zug, klatschte und johlte bei den Songs von Silly, Gundermann, Renft, den Puhdys, Marianne Rosenberg, Nina Hagen, und, und, und... Das war mehr als ein Potpourri von alten Hits, das war Leben und musikalische Kulturgeschichte pur.
Nein, wir wollen hier nicht alle Songs verraten, denn dann ist die Vorfreude weg. Doch einige Lieder verdienen besondere Erwähnung: Das ist die Interpretation von „Du hast den Farbfilm vergessen“. Erst war das Publikum platt vor Staunen, dann brauste die Begeisterung durchs Haus.
Oder das legendäre „Bataillon d’Amour“ von Silly mit Tamara Danz. Perfekt eingebunden in „Geh zu Ihr“, die Titelmusik aus dem Film “Die Legende von Paul und Paula“ von den Puhdys – überwältigend. Spitzenmäßig auch das Finale mit „Ich bin der letzte Kunde“. Dieser begeisternde Gesang des Ensembles und des „Orchesters der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck“ blieb noch stundenlang im Ohr des Kritikers „hängen“.
26 Lieder aus Ost, West, Rock, Pop und Klassik ließen die Zeit vergessen und am Ende den Wunsch nach noch mehr Songs wachsen. Sicher, jeder setzt bei der Musik andere Prioritäten, doch die Auswahl der Lieder und die musikalischen Arrangements von Ludger Nowak passten an diesem Abend „wie die Faust aufs Auge“. Machten aber auch Lust darauf, alte CDs oder Schallplatten wieder hervorzukramen, um mehr von damals zu hören.
Aber das war nicht alles, was diesen Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließ.

Auch das Orchester erhielt großen Applaus.©T.Pfundtner
Beginnen wir mit dem „Geister-Orchester“ unter der Leitung von „Nosferatu“ Jan Michael Horstmann. Er führte nicht nur die Musiker durch diesen Abend, sondern ließ Ensemble und Instrumentalisten zu einem Team verschmelzen, das – bis auf die nachdenklichen und wichtigen politischen Statements– vor Lebensfreude nur so sprühte. Da sage noch einer, Orchester können keinen Rock und Pop. Hier muss auch ein besonderes Dankeschön an die Technik folgen: Der Ton im Saal war besser als in den letzten Jahren. Super!
Kommen wir zum Ensemble und fangen mit den Gästen an:
Lena Zipp aus Weilburg an der Lahn als „Titania“ aus dem Sommernachtstraum von Shakespeare fügte sich nahtlos in die TdA-Mannschaft ein. Hoffentlich sehen wir sie öfter in Stendal.
Die deutsch-marokkanische Opernsängerin Miriam Sabba aus Wuppertal als „Die große Tripelli“ rührte den Saal mit ihren perfekt interpretierten Arien aus der Welt der Klassik. Gern würde der Kritiker einen ganzen Konzertabend von ihr in der Hansestadt erleben. Musikalische Extraklasse.
Ja, und dann das Ensemble. Was soll ich sagen? Schon wieder Superlative? Das wird auf Dauer langweilig und klingt bestellt.
Dennoch gehören die Leistungen gewürdigt.
Josephine Behrens als Lieselotte: Seit 2023 als Ensemblemitglied in Stendal, ist sie jeder Rolle gewachsen und niemand möchte sie mehr missen. Klasse, ihr Duett mit Titania und einem Lied von Veronika Fischer.
Lukas Franke als leicht gehandicapter David. Er spielte den ewig abgehängten und allein in der Ecke stehenden Diskobesucher: „Ich habe mir die Person genauso vorgestellt und entwickelt“, sagt er, „glücklicherweise hat Regisseur Matthias Brenner uns diese Freiheit gelassen.“ Nicht übertrieben oder aufdringlich, sondern gekonnt. Es war zu spüren, dass er Außenseiter gerne spielt.
Patricia Hachtel verkörperte die Rolle der Linda in ihrer eigenen mitreißenden Art. Wie immer überzeugend in Sprache, Mimik und Spiel.
Jan Michael Horstmann als Nosferatu. Seine musikalische Leistung wurde bereits erwähnt und als Schauspieler fügt er sich ebenfalls nahtlos ins Team. Nur seine wehende Perücke passte nicht ganz zu ihm. Aber das war sicherlich gewollt...
Barbara Weiß gehört seit dieser Spielzeit zum Ensemble des TdA. Die Mezzosopranistin überzeugte nicht nur durch ihr Spiel, sondern zog das Publikum bei zwei Duetten in ihren Bann.
Tilo Werner spielte den schrulligen Hausmeister Oschi des Geisterhauses. Bei ihm sind es verblüffende Kleinigkeiten, die zeigen, was er draufhat. Sein pantomimisches Öffnen einer imaginären Champusflasche und das Eingießen in Luft-Gläser – einfach klasse! Werner gelingt es, eine eigentliche Nebenrolle mit so viel Kraft und Empathie zu spielen, dass er auch im Hintergrund immer präsent bleibt. Was in „Disko“ vor dem grandiosen Finale sehr, sehr wichtig wird.
Dr. Rüderwitz, der während der Corona-Zeit einen Fehler gemacht hat, wird von Fynn Zinapold in Szene gesetzt: Ruhig, nachdenklich, zurückhaltend. Schwer zu erklären, aber irgendwie passt das zu dem Schauspieler. Auch privat wirkt er entspannt und gelassen... Nicht zu vergessen: Sein Solo eines Songs von Gundermann und der Band „Seilschaft“ war berührend und stimmte nachdenklich.
Es bleiben noch Marcel Kaiser und Oscar Seyfert als Oschi und Grischa. Wie bei den anderen Ensemble-Mitgliedern auch ist die Bühne ihre Heimat und der Beruf eine Herzensangelegenheit. Doch ihnen wurde noch etwas in die Wiege gelegt – ein Talent für Komik und das reizen sie aus. Sei es mit ihrer Mimik, sei es mit kleinen artistischen Einlagen oder unerwarteten Slapstick-Aktionen. Sie erinnern ein wenig an Jack Lemmon und Walter Matthau, die das Bühnenstück von Neil Simon 1968 (fast) unnachahmlich in dem Film „Ein seltsames Paar“ spielten. Kaiser und Seyfert in diesem Stück eines Tages auf der Bühne zu sehen, wird wohl erstmal ein Traum bleiben.
Glanzvolles, abwechslungsreiches Musiktheater - umgesetzt vom Team des TdA und eingeladenen Gästen in Kooperation mit der Mitteldeutschen
Kammerphilharmonie Schöneberg

„Disko"-Schlussapplaus nach der Premiere.©T.Pfundtner
Fazit: Ein unvergesslicher Abend! Alle Beteiligten, ob auf oder hinter der Bühne verdienen eine 1plus mit Sternchen und Banderole.
Das gesamte Team – von der Intendanz bis hin zum Beleuchter oder Tonmeister haben bewiesen, wie wichtig dieses Landestheater für Stendal, den Kreis und das Land ist. Nicht zu vergessen: Theater ist politisch und muss es sein, um Themen und gesellschaftliche Änderungen kritisch zu hinterfragen. Dazu kommt die pädagogische Rolle des TdA an Schulen, in den unterschiedlichsten Spielgruppen für Jung und Alt. Hier Stellen einzusparen, dürfte der falsche Weg sein und könnte ein schleichendes Ende dieses Hauses bedeuten. Und das kann eigentlich niemand wollen, oder? Niemand sollte vergessen, dass Kultur kein bloßer Luxus, sondern ein grundlegendes Element ist, das das Menschsein definiert und gesellschaftlichen Zusammenhalt ermöglicht. Aller Kritik zum Trotz! (tp)
Und wer nicht wahrhaben will, wie wichtig Kultur ist, der sollte sich vergegenwärtigen, dass die Teilhabe an Kultur Bestandteil der Menschenrechte ist!
Impressionen nach dem Musiktheater „Disko":
Ein begeistertes Publikum spendet allen Akteuren donnernden Applaus.©T.Pfundtner









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