Jesus Christ in Erfurt – (K)ein Superstar

 

Beeindruckendes Sommertheater vor dem Dom und auf 70 Treppenstufen

 

Domstufen-Festspiele in Erfurt zwischen Dom und St. Severi©T.Pfundtner

 

Die Domstufen-Festspiele in Erfurt sind fester Bestandteil des Veranstaltungskalenders der Thüringischen Landeshauptstadt. Jeden Sommer verwandelt das Theater Erfurt die 70 Stufen der historischen Kulisse aus Dom und Severikirche in eine beeindruckende Opern- oder Musicalbühne und hat damit bisher hunderttausende Besucherinnen und Besucher erreicht.

Am 7.  August fand die diesjährige Premiere mit dem weltbekannten Musical von Andrew Lloyd Webber „Jesus Christ Superstar“ statt. Die Gesangstexte sind von Tim Rice und die deutsche Fassung von Timothy Roller aus dem Jahr 2023.

Seine Anhänger wollen den jungen Zimmermann zum Superstar machen.@Theater Erfurt, Lutz Edelhoff

Sieben überdimensionale Bilderrahmen (einer auf diesem Foto in der Mitte liegend) – mehr brauchte es nicht, um eine beeindruckende Kulisse zu schaffen. Zum letzten Mal gestaltete Hank Irwin Kitteldas Bühnenbild. Nach 24 Jahren am Erfurter Theater beendete er seine Tätigkeit und wurde nach der Premiere mit viel Applaus vom Publikum und dem Ensemble sowie Blumen verabschiedet. Unter der Bühne wurden während der Vorstellung, wichtige Passagen aus der Bibel eingeblendet.@Theater Erfurt, Lutz Edelhoff

Von Thomas Pfundtner

Erfurt – Es ist schon beeindruckend: Der mächtige Kirchenbau und die imposante Treppe, deren 70 Stufen direkt zum Dom und zu St. Severi hinaufführen. Ideale Kulisse für Theateraufführungen im Herzen von Erfurt. So ist es kein Wunder, dass dort seit 33 Jahren im Sommer die „DomStufen-Festspiele“ des Erfurter Theaters stattfinden und längst fester kultureller Bestandteil in der Landeshauptstadt Thüringens sind.

Nach 21 Jahren steht in diesem Jahr erneut das Kult-Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Texte), das Ende der 60er Jahre unter dem Eindruck eines schrecklichen Vietnamkrieges und der sich weltweit ausbreitenden Hippie-Bewegung entstand, auf dem Programm.

Thema sind die letzten sieben Tage im Leben des Jesus von Nazareth, so wie wir sie aus der Bibel kennen. Allerdings, und darauf legt Texter Tim Rice sehr viel Wert, gehe es ihm nicht um den Glauben der Christen, sondern um die Faszination des Menschen Jesus, der dementsprechend auch nicht Gottes Sohn, sondern einfach „Herr Christus“ ist.

Seine Anhänger umgeben und bedrängen den jungen Mann.@Theater Erfurt, Lutz Edelhoff

Die Priester beschließen über das Schicksal des Angeklagten.@Theater Erfurt, Lutz Edelhoff

Und dieser „Herr Christus“ ist eben kein Heiliger, sondern er zweifelt an sich und fühlt sich von seinen Anhängern durch sein Leben gehetzt bis zur Kreuzigung.

Hochstilisiert zum Superstar, wehrt er sich gegen Verallgemeinerung und falsche Fährten, die ihn von seinem Weg abbringen könnten. Dies wird auf den Erfurter Treppen in vielen Szenen durch verblüffende Regieeinfälle deutlich: Da verstrickt sich „Herr Christus“ in unzähligen symbolischen Bändern, so wie er sich auch im Leben immer tiefer in Konflikten und Auseinandersetzungen verstrickt.

Oder der fröhliche, tanzende und singende König Herodes, der nach den Showtalenten von Jesus fragt: „Kannst Du Wasser in Wein verwandeln?“ Weil das ein Event fürs Publikum wäre. Doch darauf lässt sich Jesus nicht ein, er widersetzt sich den Gesetzen des Marktes und des Entertainments. Was Fragen aufwirft. Fragen zu ethischen und moralischen Themen, die eben nicht auf einer Bühne, sondern im Alltag beantwortet werden können.

Zum Superstar gedrängt

Til Ormeloh als Judas Iskariot.@Theater Erfurt, Lutz Edelhoff

Mehrfach musste Judas Iskariot (Til Ormeloh) wähend der Vorstellungen die 70 Stufen erklimmen. Im 20. Bild – kurz vor der Kreuzigung Jesu – zweifelt er an seiner Tat und erschießt sich.@Theater Erfurt, Lutz Edelhoff

Es ist beeindruckend, wie die Schauspieler auf den 70 Stufen in sieben überdimensionalen, farbig angestrahlten Bilderrahmen, von einer Szene aus dem Leben von Jesus zur nächsten jagen, begleitet von rockigen Tönen, kratzenden Gitarrenriffs und musikalischen Orgelteppichen, die Gänsehaut erzeugen. Nicht immer wird der Ton getroffen oder eine hohe Falsettstimme (Jesus Christus) endet in lautem Schreien und Kreischen.

Es sei angemerkt, dass das Philharmonische Orchester Erfurt 400 Meter entfernt im Theater saß und spielte und dort von einer eigens für die Inszenierung zusammengestellten Band begleitet wurde.

Schon die erste Szene, in der der „Herr Christus“ aus einem vorfahrenden Krankenwagen vor die Stufen geworfen wird, verdeutlicht, dass dem Publikum keine Verherrlichung von christlichen Werten geboten wird, sondern wahres Leben, wie es heute ist, aber auch vor 2000 Jahren hätte so sein können. Vom Kommerz im Tempel bis zur gezielten Manipulation der Massen – alles scheint sich zu wiederholen.

Obwohl er keines Fehltritts vor dem Gesetz erkennen kann, verurteilt Pontius Pilatus ihn zu 39 Peitschenhieben. Leidend und vor Schmerzen stöhnend lässt dieser die Marter über sich ergehen, bevor er dann seinen Leidensweg mit dem Kreuz (in dieser Inszenierung leider nicht thematisiert) auf den Berg Golgatha antritt.@Theater Erfurt, Lutz Edelhoff

Der eigentliche Höhepunkt des Musicals – die Kreuzigung – kommt diesmal etwas zu kurz: Ziemlich im Hintergrund hängt Jesus an dem Bilderrahmen, das Volk wartet gespannt auf seinen Tod. @Theater Erfurt, Lutz Edelhoff

„Jesus Christ Superstar“ auf den Erfurter Treppenstufen ist aber nicht nur eine „Vorstellung“, sondern scheint genau in diese unsicheren Zeiten einen Nerv des Publikums zu treffen: Fast alle 44.000 Karten für das Open-Air Rock-Musical sind bereits verkauft. Für die Vorstellungen bis Ende August gibt es nur noch Wartelisten, ein Phänomen, das es in all den Jahren der DomStufen-Festspiele nicht gab.

Wenn alle Vorstellungen so begeistert und umjubelt aufgenommen werden wie die Premiere, dann hat das Erfurter Theater wieder einmal einen theatralischen Coup gelandet. Da stört es auch nicht, dass die Kreuzigungsszene – der eigentliche Höhepunkt des Abends – als Szene am wenigsten begeisterte. Viele Zuschauer empfanden gerade diese in den Vorstellungen 2005 als absoluten Höhepunkt der Rockoper – und 2026 als nicht so beeindruckend. Aber das fiel kaum ins Gewicht!

Beeindruckender Spielort zwischen Dom und St. Severi auf 70 Treppenstufen.@T.Pfundtner

Fazit: Eine laue Sommernacht, Rockmusik aus den 70ern, sehr gute Schauspieler, die manchmal etwas überpowern und eine Geschichte, die sich jeder selbst erschließen muss. Zum Glück werden im Programmheft die einzelnen Szenen beschrieben, sodass jeder Musical-Besucher die Handlung sehr gut mitverfolgen kann – auch wenn nicht alles historisch genau ist. Ein spannender Abend, bedauerlich, dass es nicht noch mehr Vorstellungen gibt!
Schade, diese Inszenierung hätte mehr Vorstellungen verdient…

In Erfurt werden die diesjährige Domstufen-Festspiele so gut angenommen, dass es nur noch Wartelisten-Karten gibt.©T.Pfundtner

Jesus Christ Superstar

Vorstellungen: täglich außer montags
Karten: nur Wartelisten
Dauer: mit Pause knapp 3 Stunden
Ort: Erfurter Domtreppen

Musikalische Leitung: Clemens Fieguth
Inszenierung: Peter Lund
Bühnenbild: Hank Irwin Kittel
Kostüme: Ulrike Reinhardt
Choreografie: Bart de Clercq

Die Darsteller
Jesus Christus: Lukas Meyer/ Samuel Franco
Judas Iskariot: Til Ormeloh/ Samuel Franco
Maria Magdalena: Katja Bildt/ Antonia Wortberg
Pontius Pilatus: Raioner Zaun
Herodes Antipas: Ks. Máté Sólyom-Nagy