Sehr gute Darsteller überspielen platte Inszenierung

 

Mit „Der nackte Wahnsinn“ rumpelte das TdA in die neue Spielzeit. Das Ensemble rettet den Abend.

 

 

Am 12. September 2026 startete das Theater der Altmark (TdA) in Stendal in die neue Saison.

Mussten sich die Schauspieler gut zwei Monate zuvor noch bei gleißender Hitze auf der „Draußen-Bühne“ quälen, (obwohl während der extrem hohen Temperaturen überall in der Republik Freiluftveranstaltungen abgesagt wurden,  – nur eben nicht von der Intendanz des TdA), haben sie sich diesmal auf der Bühne vom Großen Haus getummelt.

Die Komödie „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayne wurde geboten. Leider war die Premiere nicht ausverkauft. Aber die Damen und Herren, die zur Premiere kamen, hofften auf einen unterhaltsamen und humorvollen Abend. Ob das Publikum zufrieden nach Hause gehen konnte, lesen Sie hier.

Von Thomas Pfundtner

 Alles geht rasend schnell, taktgenau knallt eine der acht Türen. Es wird geschrien und geprollt. Wie Uhrwerke spulen alle Schauspielerinnen und Schauspieler ihren eigenen „Rollen-Faden“ ab. Der Zuschauer darf keine Sekunde abschalten, ansonsten kommt er nicht mehr mit. Es ist tatsächlich „Der  nackte Wahnsinn“, der an diesem Abend auf der Bühne im Großen Haus abläuft.

Über zwei Stunden wird Theater im Theater geboten: Eine so richtig miese Schauspielertruppe, probt für ein völlig flaches Boulevardstück  mit dem Titel „Nichts als Socken“ und geht damit auf Tournee. Im Mittelpunkt stehen offene und knallende Türen, verschwundene Sardinen und eine piefige Haushälterin.

Im ersten Akt erleben die Zuschauer eine höchst stressige Generalprobe mitten in der Nacht, bei der nichts, aber auch gar nichts gelingt. Es knallen die falschen Türen, die Sardinen werden vergessen oder rutschen aufs Sofa, die Texte sitzen nicht.

Dazu kommt, dass die (schlechten) Schauspieler den Regisseur mit Fragen zu ihrer jeweiligen Rolle löchern. Kein Wunder also, dass dieser extrem genervt ist und versucht mit Schreiattacken das Team in den Griff zu bekommen...

Während der Pause wird das Bühnenbild um 180 Grad gedreht, sodass die Zuschauer praktisch das Geschehen hinter der Bühne während einer Nachmittagsvorstellung verfolgen.

Im zweiten Akt dreht sich alles um Affären, Hasskaskaden, private Eifersüchteleien unter den Schauspielern, die immer mehr eskalieren. Stumm, pantomimisch werden diese Konflikte ausgetragen, immer wieder unterbrochen von ihren Einsätzen auf der eigentlichen Bühne.

Der dritte Akt zeigt das absolute Chaos bei der letzten Vorstellung der Tournee. Dank den abgeschafften Schauspielern und ihrem Regisseur, der seine Liebesbeziehungen zu seiner Assistentin Poppy und der höchst sensiblen Jungschauspielerin Brooke auf die Reihe bringen will, bricht das Stück auseinander: Texte werden erfunden, Requisiten werden vergessen oder verwechselt und das Ensemble rettet sich nur noch durch Improvisation durch das Chaos.

Die neue Spielzeit steht unter dem Motto „Rasend“, was dem Premieren-Stück entspricht. Es ist ein Stück, das man sehen kann, aber es bedarf einer hohen Toleranzschwelle: Es bietet purenLärm, Reizüberflutung und physischen Stress. Dazu das ständige Zuschlagen der Türen, das hysterische Kreischen, sich überschlagene Stimmen und das panische Herumrennen. Dies alles könnte beim Publikum leicht zum Herbeisehnen des Endes führen. Ja, Autor Michael Frayn hat den „nackten Wahnsinn" exakt so konstruiert. Es ist seine Art, einen liebevollen Blick auf die Theaterwelt zu werfen. Alles wird gnadenlos durch den Kakao gezogen, doch alles geht weiter und das Theater lebt. Getreu dem Motto: „The show must go on.“

Die Gefahr dabei ist aber, dass jeder Gag vorhersehbar wird und aus dem Tempo sich beim Publikum endlich Ermüdung und Langeweile breitmachen.

Das war glücklicherweise in Stendal nicht der Fall, denn das Ensemble agierte präzise wie ein Uhrwerk. Da griff jede Bewegung, jedes Verschwinden hinter einer Tür oder das Erscheinen davor trat punktgenau ein. Förmlich war im Saal zu spüren, dieses Ensemble ist mehr als ein eingespieltes Team: Es präsentierte sich als geschlossene Einheit. Eine Einheit, die dafür sorgte, dass die Längen in der Inszenierung von Louis Villinger nicht das Stück auseinanderrissen und auch platte Witze zumindest nicht auf Anhieb negativ wirkten.

Theater im Theater, für die Schauspieler fast immer die große Chance ihre Interpretationen über die darzustellenden Figuren weit schweifen zu lassen, was an diesem Premierenabend deutlich wurde. Herauskam eine glänzende Teamarbeit.

Glänzende Teamarbeit des Ensembles

Da ist Patricia Hachtel, die als (schlechte) Schauspielerin die spießige Hausdame Dotty zum Leben erweckt. Alles dreht sich bei ihr um Fernsehen, Sardinen und die Liebe. Mal unterwürfig, mal frech, dann wieder schüchtern, gemischt mit der Eitelkeit einer alternden Diva. Dazu mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz – das war schon erste Sahne.

Tilo Werner als cholerischer, aufdringlicher, liebestoller Regisseur, der am Ende der Gelackmeierte ist, spielte sich in die Herzen der Zuschauer.
Auch wenn die Regie zu viel Lautstärke und Ausrasten von ihm verlangte.

Kerstin Slawek und Fynn Zinapold als Team, spielen ein Paar, das aus der realen Welt gefallen zu sein scheint: Angst vor der Steuer, Prestigedenken und Überkorrektheit sind ihr Lebensinhalt. Beide schaffen es, im Vordergrund zu stehen, ohne sich nach vorne zu drängen.

Hannes Liebmann glänzt als trinkfester Schauspieler, der einen trinkfesten Einbrecher darstellen muss. Liebmanns komödiantische Ader ist kein Geheimnis. Er spricht und spielt trockenen Humor, seine Mimik wirkt bis in die letzte Reihe. Gut gelungen, dass er in dem lauten Stück einen Ruhepol bildet, den nichts erschüttert.

Tara Oestreich als nervenschwache Schauspielerin Brooke und Barbara Weiß als Regieassistentin Poppy sind wohl endgültig im Team des TdA angekommen. Sie spielen, als seien sie schon jahrelang in Stendal. Schwierig wird es nur, wenn alle durcheinanderreden und dabei immer lauter werden. In diesen Momenten dringen die beiden trotz Überzeichnung ihrer Personen nicht vollends durch.

Ja - und dann sind da noch Marcel Kaiser als Darsteller des liebestollen Hausmaklers Tramplemain und Oscar Seyfert als völlig ausgelaugter Theaterinspizient Tim. Dass Marcel Kaiser seit seinem ersten Auftritt das Ensemble mit seinem komödiantischen Talent und seinem ehrlichen Spiel bereichert, ist in der Stadt kein Geheimnis mehr.  Auch diesmal wirkte er – besonders im zweiten Akt – als Katalysator in der Inszenierung. Allerdings, und das ist der kleine Wermutstropfen – überzog er in einigen Szenen und erinnerte so mehr an einen überkandidelten Clown, denn an einen talentierten Schauspieler mit komödiantischen Fähigkeiten. Das war bei Oscar Seyfert anders, er scherte sich nicht um die großen Überzeichnungen seiner Rolle, sondern ließ sein Spiel einfach fließen und heimste so viel Sonderapplaus ein.

Was noch zu sagen ist

Fazit: Seit 42 Jahren wird „Der nackte Wahnsinn“ irgendwo auf der Welt gespielt. Das ist ein Riesenerfolg. Doch, andererseits ist das Stück in die Jahre gekommen, hat bereits Patina angesetzt. Zumal sich in vier Jahrzehnten gesellschaftlich viel verändert hat, sodass das TdA-Premierenstück leicht altbacken und bieder wirkt. Die sexuellen Anspielungen reißen heutzutage niemanden mehr vom Hocker und die Dialoge sind streckenweise nicht mehr zeitgemäß. Deshalb ist es schade, dass in dieser Inszenierung nicht mehr Zeitgeist und Esprit aufblitzte. Insgesamt zu wenig für eine Premiere, die eine neue Spielzeit einläutete. Und wer dann an den Glanz, den Schwung und die perfekte Show von Rocky Horror denkt, der fragt sich schon, warum etwas Ähnliches in diesem Jahr nicht gelang. Hier wurde eine Chance verspielt, die Saison 26/27 mit einem Paukenschlag zu eröffnen.

Wobei, einen kleinen Paukenschlag gab es schon. Nachdem der Caterer Jens-Uwe R. das Theater verlassen hat – wobei unklar ist, inwieweit die Mängel in der Küche, die von Mitarbeitern des Landesveterinär- und Lebensmittelkontrollamt aufgedeckt wurden, dabei eine Rolle gespielt haben.

Auf jeden Fall steht das Theater zurzeit ohne einen Caterer da, sodass an diesem Abend Intendantin Dorotty Szalma und ihr Stellvertreter, Roman Kupisch sowie Mitglieder des Theaterfördervereins hinter dem Tresen standen und gegen eine Spende Getränke ausgaben. Unterstützt wurde diese Aktion auch von zwei jungen Damen, die Mineralwasser feilboten. Das kam beim Publikum sehr gut an und sollte ruhig des Öfteren gemacht werden. So ein naher Kontakt zwischen Intendanz und Publikum hilft sicherlich, dabei, Brücken aufzubauen ...