Interview Stefan Aust

Der Mann der Polit-Reportagen

 

Stefan Aust: Ich steckte mittendrin, in den Ereignissen

 

Kühl, sachlich, nur ein schmales Lächeln auf den Lippen – so kennen Millionen Deutsche den wohl bekanntesten Journalisten unseres Landes: Stefan Aust. Seit mehr als 60 Jahren brennt der bald 75-jährige Reporter, Filmemacher, Buchautor, Chefredakteur und Herausgeber für seinen Beruf. Ich hatte durchaus meine Positionen zu bestimmten Dingen und Ereignissen, aber ich habe mich nie mit einer Sache, auch wenn ich sie für richtig halte, gemein gemacht, schreibt er in seiner Biografie Zeitreise
Foto/Copyright: Karin Rocholl /Piper Verlag

Das wöchentliche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ gehört zu meinem Leben wie die Liebe zur Rockmusik. Erstmals wurde ich Anfang der 70er-Jahre auf den Spiegel aufmerksam – im Nordseeinternat St. Peter Ording. Von da an kaufte ich jeden Montag die neue Ausgabe und las alles, was mit Politik, Gesellschaft und Kultur zu tun hatte. Besonders beeindruckten mich die Spiegel-Gespräche, die über viele Seiten gingen. Aber auch die politischen Themen, besonders die gesellschaftlichen Veränderungen, die von dem Nachrichtenmagazin begleitet wurden, brachten bei mir etwas zum Ticken. Und, was die Journalisten, die für den Spiegel alles recherchierten, aufdeckten und wie sie am Montag die Nation zum Diskutieren brachten. Das hatte schon was. Rückblickend kann ich für mich in Anspruch nehmen: Der Spiegel hat mein politisches Denken entwickelt und mir kritisches Denken beigebracht. Die Chefredakteure spielten für mich nie eine Rolle. Wahrscheinlich sind deshalb auch nur die Namen Erich Böhme und Stefan Aust in meinem Kopf geblieben.
Und natürlich Rudolf Augstein, der legendäre Herausgeber, der kräftig in der politischen Meinungsmache mitgemischt hat. Sein bereits 1961 in einem Spiegel-Editorial veröffentlichtes Zitat: „Sagen, was ist“, habe ich erst Jahre später gelesen. Aber es gilt bis heute:
Einer Wahrheit ans Licht zu helfen, die unter der glatten Oberfläche der Volksmeinung schlummert, diese notwendige Wahrheit unangreifbar zu fassen und in 400 000 Exemplaren bis in den hintersten Winkel auf die Reise zu schicken, so daß niemand mehr sagen kann, sie sei ihm nicht zugänglich gewesen, eine Wahrheit, der die etablierten Führer und Meinungsmacher aus Bequemlichkeit und Eigensucht bislang ausgewichen sind – das ist die einzige Möglichkeit für den Journalisten, die Wirklichkeit zu verändern: Er kann sagen, was ist.
Das gilt auch für mich bis heute. Allein wenn ich an den wiedererstarkten Antisemitismus und den massiven Rechtsextremismus denke.
Ich glaube, heute sagen zu können, die Ära Stefan Aust ist für mich die intensivste gewesen. Irgendwie war er immer präsent, präsenter als andere. Sein Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ war für uns ein Standardwerk. Sein Mitwirken bei den Hamburger „St. Pauli Nachrichten“ für uns eine Riesensache. Auch später im Fernsehen tauchte Stefan Aust immer wieder auf, erst in TV-Dokumentationen, dann als Macher und Moderator von Spiegel-TV.
Vielleicht liegt es daran, dass Stefan Aust nur neun Jahre älter ist als ich. Vielleicht aber auch daran, dass Aust mit der sich ständig veränderten Medienlandschaft, sich selbst auch ständig veränderte. Er übernahm nicht nur Trends, sondern entwickelte auch eigene. Das ist besonders auffällig bei Spiegel-TV. Unzählige Fernsehmagazine, die nicht von Stefan Aust produziert werden, erinnern doch stark an Spiegel-TV von früher.
Für mich war lange klar, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, wollte ich Stefan Aust unbedingt interviewen. Als mir der Piper-Verlag ein Exemplar der „Zeitreise“ (eine Rezension lesen Sie hier) schickte, hatte ich nach zwei Tagen alles gelesen, bei mehreren Zeitungen das Interesse an dem Gespräch geweckt, und am Dienstag nach Pfingsten fand das Telefoninterview statt. Es dauerte knapp 60 Minuten (viel länger, als ursprünglich vereinbart) und wurde eine neue „Zeitreise“. Aber, das lesen Sie am besten selbst.

Herr Aust in Ihrer Autobiografie nehmen Sie die Leser mit auf eine spannende Reise durch 50 Jahre deutsche Geschichte.
Das stimmt. Ich mag den Begriff Autobiografie nicht so gern. Für mich besteht das Buch mehr aus Beobachtungen am Rande der Geschichte als aus der genauen Beschreibung meines Lebens.

Warum sollte ein junger Mensch „Zeitreise“ lesen?
Gute Frage. Vielleicht, weil sie lesen, wie spannend ihr Leben sein kann, wenn sie bereit sind, sich mit den Ereignissen zu beschäftigen. Ich bin Journalist geworden, damit ich dabei sein konnte. Nicht um mitzumischen, sondern um ein klein wenig Aufklärung zu betreiben.

Wie zum Beispiel im Fall des Mordes an der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter. Sie glauben nicht, dass die rechtsextremen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Tat allein begangen haben.
Richtig. Meine Recherchen haben ergeben, dass es gerade im Fall Michèle Kiesewetter viel zu viele Zufälle gab, sodass man diese nicht mehr nachvollziehen konnte. Ich bin nach wie vor der Meinung. Da stimmt was nicht…

 … was?
Die thüringische Herkunft von Michèle Kiesewetter. Die Tatsache, dass ihr Einsatzleiter an diesem Tag Timo Heß ist, ein Polizist, der sich früher in der rechten Szene bewegte. Oder der Fakt, dass Kiesewetters Onkel Mike W. ein Drogenfahnder war und noch früher beim Staatsschutz ermittelte. Das sind nur drei von vielen „Zufällen“. Ein bisschen viel, finden Sie nicht? Ich glaube, der Mord an Michèle Kiesewetter hat einen Hintergrund, der damit zu tun hat, dass sie zu viel wusste. Was, weiß ich allerdings nicht.

Werden wir das jemals erfahren?
Der Schlüssel für die Lösung ist Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU. Vielleicht weiß sie nicht alles. Aber sie weiß viel. Wenn sie eines Tages erzählt, wird auch die Wahrheit über den Polizistenmord von Heilbronn ans Licht kommen.

Welches Ereignis hat die Bundesrepublik am meisten verändert?
Ganz klar – der Mauerfall am 9. November 1989. Erinnern Sie sich? Das war ein Donnerstag. Schon am Montag hatte ich das Gefühl, an der Mauer wird Geschichte geschrieben und hatte deshalb Reporter nach Berlin geschickt. „Ihr bleibt an der Mauer, da passiert etwas“, habe ich ihnen mit auf den Weg gegeben. So ist es dann gekommen.

War Ihnen da auch schon klar, dass es zu einer Wiedervereinigung kommen würde?
Aust: Zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Sowjetunion freiwillig auf ihre Herrschaft über die östliche Hälfte Mitteleuropas verzichten würde. Doch dann wurde auch mir schnell klar, dass es bald nur ein Deutschland geben würde. Knapp ein Jahr später war es so weit.

Beim Lesen Ihres Buchs konnte ich mich an vieles erinnern. Manches schien mir neu zu sein …
… das freut mich. Aber es stimmt. Natürlich sind die Ereignisse bekannt. Dennoch habe ich – zum Beispiel beim Fall Barschel – mehr von meinem Wissen aufgeschrieben als jemals zuvor. Ich beschäftigte mich in der „Zeitreise“ ausführlich damit, ob Uwe Barschel Suizid begangen hat oder ermordet wurde. Vieles deutet daraufhin. Wie im Fall der Heilbronner Polizistin gibt es auch im Fall Barschel viel zu viele Zufälle und Ungereimtheiten, als dass meine Spekulationen über die Ereignisse im Genfer Hotel „Beau-Rivage“ – also Mord – nicht unwahrscheinlicher sind als die offizielle Selbstmordtheorie. Letztendlich wird das Geheimnis von Zimmer 317 vermutlich erst dann geklärt, wenn die in einem Schweizer Banktresor sicher gelagerten Tonbänder eines Tages auftauchen. Wo auch immer. Das müssen wir abwarten.
Aber Sie haben recht, ich habe in meinem Buch viele Dinge veröffentlicht, die bisher so nicht bekannt sind. Insofern werden hoffentlich viele andere Leser auch etwas für sich Neues entdecken.

Was glauben Sie, wo wird Deutschland nach der Ära Merkel stehen?
Ich glaube überhaupt nichts (lacht), aber ich meine, dass es für eine Demokratie von größter Bedeutung ist, immer wieder personelle Wechsel im höchsten Staatsamt zu haben. Deshalb hoffe ich, dass nach der Amtszeit von Angela Merkel die Diskussion über eine Begrenzung der Amtszeit des Bundeskanzlers auf maximal zwei Perioden wiederbelebt wird. 
Wer einen genauen Blick auf die Regierungszeiten früherer Kanzler wirft, erkennt schnell: In der zweiten Hälfte ihrer Kanzlerperiode haben sie nur wenig vollbracht. Doch das ist nicht alles: Solange eine bestimmte Person an der Macht ist, sind immer die auch gleichen Personen in der Begleitmannschaft mit im Spiel. So kann sich nicht viel ändern. 
Wenn ich allein überlege, in welchen Positionen Peter Altmaier in den letzten Jahren politisch gearbeitet hat. Wie soll da Demokratie beweglich bleiben und sich für die Belange der Menschen einsetzen.

Das bedeutet?
Bei uns können Kanzler sich für die Koalition entscheiden, die ihre Macht erhält. Die Folge: Die Wähler erkennen nicht mehr klar, was mit ihrer Stimme passiert. Ehrlich, da stimmt doch etwas mit dem System nicht. Ich sage, das Wichtigste in einer Demokratie ist nicht das Wählen, sondern das Abwählen. Wenn das aber nicht möglich ist, und nur noch eine große Politmasse, bestehend aus etablierten Parteien, vorhanden ist, dann ist es doch kein Wunder, dass die AfD so viele Stimmen ziehen konnte und bestimmt auch wieder kann.

Stefan Aust: Deutschland spiegelt sich in seinem Leben

Stefan Aust, der Pferdenarr. Bei einer Showeinlage auf dem International Dressage and Show Jumping Festival in Verden 2007 ritt er zum letzten Mal durch einen Parcours. Natürlich reitet er immer noch, wenn er am Wochenende auf dem Familienhof an der Elbe entspannt. Doch mittlerweile kümmert sich der Reporter intensiver um die Pferdezucht. In seinem Buch erzählt Stefan Aust – auch für nicht Pferde-Interessierte – über Erfolge und Rückschläge, die er als Züchter erlebte. Warum er auf Seite 470 schreibt: „Wie kann man mit Pferden ein kleines Vermögen machen? Indem man vorher ein großes Vermögen hatte“ , das sollten Sie besser selber lesen.
Foto/Copyright: privat

In der Konsequenz bedeutet das aber auch, überall dort wo CDU und AfD die Mehrheit der Wählerstimmen auf sich vereinigt haben, müsste es auch dementsprechende Koalitionen geben.
Ja. Nachdem Frau Merkel die Oppositionsparteien quasi „übernommen“ hatte, konnte die Rechte stärker werden. Und jetzt haben wir das Problem, dass die etablierte Politik der AfD praktisch das Recht übergeben hat, zu entscheiden, welche Position überhaupt noch zulässig ist. Denn: Wenn die AfD heute Stellung bezieht, ist diese Position infiziert und kein Demokrat darf sie übernehmen. Selbst, wenn sie eigentlich richtig ist. Das ist doch eine grauenvolle Entwicklung. Wir lassen uns praktisch von denen vorschreiben, was wir denken dürfen. Da mache ich nicht mit. Ich denke, sage oder schreibe, was ich meine.

Was machen Sie lieber, schreiben oder Filme?
Eine schwierige Frage. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, die so nicht im Buch steht und die mir gerade einfällt. Ich war bei der Schülerzeitung WIR, mit der ja alles begann, nie Chefredakteur, sondern stand „nur“ als Herausgeber im Impressum …

… warum …?
… weil ich glaubte, nicht schreiben zu können und bessere Schreiber hatte. Heute weiß ich – ich konnte nicht schreiben, weil ich nichts zu erzählen hatte. Aber zurück zu Ihrer eigentlichen Frage. Das Schreiben fällt mir bis heute nicht leicht. Sicher ist es etwas Besonderes, sich hinzusetzen und die Gedanken total auf ein Thema zu konzentrieren. Manchmal bringt mir das auch Spaß und ich denke am Ende dann: „Na, das war wohl doch eine gute Idee“, und ich freue mich über den Text.
Beim Film ist es anders: Ich muss drehen und dadurch mit bestimmten Dingen oder Personen in Berührung, beziehungsweise Kontakt kommen. Ohne Dreh kein Film. Wenn ich dann am Schneidetisch die Bilder sehe, weiß ich sofort, welcher Text dazugehört.

Sie gelten bis heute als der RAF-Experte in Deutschland. Ist das mehr Ehre oder Last?
Ich war durch die Verkettung persönlicher und beruflicher Umstände so in die Nähe der Personen, die sich auf diese schreckliche Terrorreise begeben haben, gekommen, dass ich einfach viel mehr wusste als andere. Aber, ich sage immer: Es war nicht der Autor, der sich ein Thema gesucht hat, sondern das Thema, das sich einen Autor ausgesucht hat. Das war ich dann. Eine Last war es nie. Und, natürlich freut es mich, wenn mir auch mehr als 30 Jahre nach dem Buch „Der Baader Meinhof Komplex“ Menschen sagen, dass sie es sehr interessant fanden und dass es ihr politisches Denken – egal in welche Richtung – beeinflusst hat.

Was lesen Sie eigentlich am liebsten?
Das Buch meines Lebens ist Moby Dick von Herman Melville. Aber das möchte ich gern etwas näher erklären …

… gern …
… ich habe es zum ersten Mal gelesen, nachdem ich erfahren hatte, dass Gudrun Ensslin, die als Terroristin mit den anderen Köpfen der RAF in Stammheim saß, Decknamen für die Gruppenmitglieder suchte, um die Postüberwachung irrezuführen. Die Tarnnamen entnahm sie dem Roman Moby Dick. So stand zum Beispiel „Ahab“, das war der Schiffskapitän des Walfängers, für Andreas Baader oder “Starbuck“ für Holger Meins.

Und für Ulrike Meinhof?
Für sie gab es keinen passenden Namen in der Geschichte über die Jagd auf den weißen Wal. Für sie wählte Gudrun Ensslin den Namen Theres, abgeleitet von Therese von Jesu. Eine Heilige, die 1515 zu Avila in Altkastilien geboren wurde. Mit 20 Jahren trat Therese von Jesu in ein Karmeliterkloster ein und sorgte gegen schwere Widerstände dafür, dass die laxe Führung des Ordens beendet wurde.
Aber zurück zu Moby Dick und den Tarnnamen: Bei einigen lieferte Gudrun Ensslin die Interpretation teilweise gleich mit: „Smutje“, der Koch, so schrieb sie an Ulrike Meinhof, das sei sie selbst: „Du erinnerst Dich, der Koch hält die Töpfe spiegelblank und predigt gegen die Haie. An Bord ist der Koch ja eine Art Offizier.“
Meiner Meinung nach war es so auf Kapitän Ahabs Walfang-Schiff „Pequod“, und so war es wohl auch bei der RAF.
Ach ja, Jan-Carl Raspe erhielt den Decknamen „Zimmermann“. Der baut in dem Roman unablässig Särge für die Opfer der Jagd auf den weißen Wal und er schnitzt Kapitän Ahab ein neues Bein aus Walknochen und macht sich auch sonst überall nützlich. Da frage ich mich natürlich: Zimmermann alias Jan-Carl Raspe – das willenlose Werkzeug der RAF?
Auf jeden Fall habe ich dann Moby Dick gelesen, besser gesagt verschlungen. Seitdem begleitet der Roman mein Leben, ein immer wieder faszinierendes Buch.

Seit der achten Klasse engagierte sich Stefan Aust am Athenaeum in Stade bei der Schülerzeitung WIR. 1964 stellte die Redaktion das WIR-Motto auf die Titelseite: „Als Sprachrohr der Jugend veröffentlicht WIR frank und frei die Beobachtungen und Gedanken junger Menschen. Alle Artikel geben die persönliche Meinung ihrer Verfasser wieder. Sie sind keinesfalls mit den Ansichten aller Schüler oder gar der Schule gleichzusetzen.“ Stefan Aust schreibt in Zeitreise auf Seite 39: „Das gefiel nicht allen, vor allem unserem Schuldirektor Dr. Bartels nicht. Irgendeine nebensächliche Geschichte nahm er zum Anlass, die Vorzensur der Zeitung zu verfügen …“ Das hätte er wohl besser nicht tun sollen. Welche Konsequenzen die WIR-Macher zogen, wie der Zoff in der TV-Sendung Panorama landete und vieles mehr rund um den Widerstand der jungen Reporter beschreibt Stefan Aust in seiner „Zeitreise“.
Foto/Copyright: privat

Welche Recherche war oder ist bis heute Ihre schwerste gewesen?
Das ist und bleibt die Frage, ob die RAF-Terroristen während der Schleyer-Entführung abgehört wurden oder nicht. Ich habe unzählige Details und Indizien gesichtet, Akten gewälzt und in Archiven geforscht und eine Menge gefunden, was darauf hindeutet. Aber so lange ich nicht ein Tonband als Beweis in der Hand halte, werde ich mich hüten, zu behaupten, die RAF wurde in Stuttgart-Stammheim abgehört.

Als Sie Spiegel-TV moderiert haben, wirkten Sie immer kühl und unnahbar. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal geweint?
Aust antwortet lachend: Beim Zwiebelschneiden … Spaß beiseite, ich habe es nicht so mit Gefühlsduselei und kann mich nicht wirklich daran erinnern, wann ich zuletzt geweint habe. Und dann würde ich es Ihnen auch nicht sagen.

Wie wichtig ist für Sie Regionaljournalismus?
Sehr, sehr wichtig. Ich lese nach wie vor das „Stader Tageblatt“ oder die „Niederelbe-Zeitung“. Mit Regionalzeitungen ist es wie mit der Kommunalpolitik. Der Bund müsste ihnen eine höhere Akzeptanz und Eigenverantwortung zuteilwerden lassen. Und die großen überregionalen Printtitel dürfen den Lokaljournalismus gern mehr wertschätzen.

Sie sind Vater zweier erwachsener Töchter? Was haben Sie den Kindern für ihren Lebensweg mitgegeben?
Mir waren folgende Faktoren immer wichtig für unsere Kinder: Vernünftige Bildung. Reisemöglichkeiten. Das Kennenlernen von interessanten Menschen. Alles Dinge, die den eigenen Blick erweitern und zur Persönlichkeit beitragen.

Und, was haben Sie von Antonia und Emilie gelernt? Sie sind mittlerweile ja erwachsen.
Dass wir Alten genauer zuhören, um zu erfahren, was die nächste Generation bewegt und denkt. Auch wenn die Jugend für andere Positionen eintritt als wir.

An Ihrem 70. Geburtstag wurden Sie mit einer Sonderausgabe der „Welt“ überrascht. Schlagzeile: „Das Leben ist ein Rennstall“  Welche wünschen Sie sich zum 75.?
„Bis hierhin hat er es immerhin geschafft.“ In dem dazugehörigen Artikel stand dann auch: „Es gibt viel zu tun, und dieser Mann hat noch viel vor.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf, ich habe tatsächlich noch viel vor und denke nicht daran, aufzuhören.

Eine letzte Frage: Was ist Ihr größter Wunsch?
Ich möchte bis zu meinem Tod gesund bleiben, um arbeiten zu können. Denn ans Aufhören denke ich überhaupt nicht. Ich halte es mit dem Tod, den wir alle nicht verhindern können, wie Rudolf Augstein. Der wollte, dass auf seinem Grabstein steht: „Wer hier liegt, starb zu früh!“

Ein bewegtes Leben in wenigen Bildern. Bernsteinzimmer, der Terror in Deutschland, der Fall der Mauer – nur drei von unzähligen Ereignissen, die Stefan Aust in seinem Buch wiederbelebt und Erinnerungen wachrüttelt. Dazu private Bilder: Wir sehen Mutter Ilse Aust mit ihrem erstgeborenem Kind, Baby Stefan. Dann sehen wir Stefan Aust beim offiziellen Fototermin anlässlich seiner Einschulung. Treckerfahren lernte der spätere Reporter schon in jungen Jahren, bereits mit 12 Jahren düste er auf dem Holder-Diesel durch die Gegend an der Elbe. Vier Jahre später dann schwang er sich regelmäßig auf ein Norweger-Pony. Kurz nach der verheerenden Flut 1962 hatte Stefans Vater drei junge Stuten gekauft. Seitdem ließen Stefan Aust Pferde nicht mehr los. Es musste dann noch viel Wasser die Elbe hinunterfließen, bevor Stefan Aust und seine Lebensgefährtin vor den Traualtar traten. Aber 1997 war’s so weit. Mit dabei: Die erste Tochter Antonia. Das und noch viel mehr erfahren Sie alles in seinen frisch auf den Markt gekommenen Erinnerungen.
Fotos/Copyright: privat (6), Ueli Gubler/pixelio und Rainer/Sturm/pixelio

Bücher von Stefan Aust

2021-07-04T08:31:58+00:00

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