Eva Opitz
„Schranken gehen auf“ – ein Buch, das zu Tränen rührt
Das Erstlingswerk von Eva Opitz ist ein Roman, der in der Vergangenheit spielt. Doch das Schicksal von Elisabeth kann jeden Tag wieder passieren – bei uns!

Buchcover „Schranken gehen auf“©BoD
Verlag: BoD – Books on Demand
Seitenzahl: 248 Seiten
ISBN-13: 9783819279652
Erschienen am: 31.10.2025
Preis: 14,99 Euro
Sprache: Deutsch
Von Thomas Pfundtner
Auf dem Cover ist das seitlich aufgenommene Foto einer jungen Frau zu erkennen. Das Bild ist von Linien durchzogen.
Lebenslinien?
Wahrscheinlich, denn der Roman „Schranken gehen auf“ schildert auf 241 Seiten das Schicksal der Hamburgerin Elisabeth Jakoby, Tochter eines jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter. Nach dem Abitur in der Hansestadt wechselt sie zum Studium nach Berlin und gerät ins Visier der Gestapo, da sie in der Öffentlichkeit den Hitlergruß verweigert. Das hat verheerende Folgen: Ohne einen Pfennig in der Tasche, ohne Unterstützung und ohne abgeschlossene Ausbildung muss sie fliehen. Elisabeths ursprüngliches Leben liegt in Trümmern und führt durch halb Europa …
„Wieder ein jüdisches Schicksal, eines unter Millionen aus der Zeit des Dritten Reichs“, werden Sie jetzt vielleicht denken. Stimmt! Doch bevor Sie aussteigen, sollten Sie weiterlesen. Es lohnt sich. Autorin Eva Opitz schildert den Weg von Elisabeth mit sehr viel Emotionen, die zu Herzen gehen …
Wiederum wechselt Eva Opitz unvermittelt in neutrale Beschreibungen im Kampf Elisabeth Jakobys um das Überleben. Dieser Stil erinnert an die präzisen Schnitte eines Chirurgen und geben dem Leser die Möglichkeit, Luft zu holen und zu erahnen, wie unbarmherzig das Schicksal zuschlagen kann.

Eva Opitz im Arbeitszimmer©privat

In Chichester- Eva Opitz mit Elisabeth Jakoby.©privat
Im Gespräch erzählt Eva Opitz, warum es für sie wichtig war, die Geschichte von Elisabeth aufzuschreiben und wie sie bis heute von dem Leben der Hamburger Jüdin begleitet wird.
Wann haben Sie zum ersten Mal von Elisabeth Jakoby erfahren?
Das ist bereits mehr als 50 Jahre her. Während meines Anglistikstudiums in Freiburg bin ich 1969 für ein Jahr als Fremdsprachenassistentin an die „Grammar School for Girls“ nach Chichester im Süden Englands gegangen. Dort begegnete Miss Jakoby mir zum ersten Mal, danach noch mehrmals in diesem Jahr. Sie war als Verantwortliche für Fremdsprachen auch für mich zuständig.
Kurze Zeit später erfuhr ich, dass sie aus Deutschland geflüchtet war und in England ihr in Hamburg und Berlin begonnenes Studium fortsetzen konnte. Mehr wusste ich damals nicht, war aber verwundert, dass sie nie deutsch mit mir sprach, außer bei schulischen Themen. Begründet hat sie es damit, dass es für mich wichtig sei, im Alltagsenglisch sicherer zu werden.
Wann haben Sie mehr über ihr Leben erfahren?
Zurück in Freiburg entwickelte sich eine lose Brieffreundschaft zwischen uns.
Doch plötzlich erhielt ich weniger Post. Also beschlossen mein Mann und ich, Miss Jakoby zu besuchen – mit unseren Kindern.
In Chichester erfuhren wir, dass sie in einem Pflegeheim lebte. Sie war durch einen heftigen Schlaganfall halbseitig gelähmt, aber geistig voll präsent.
Es entwickelte sich eine intensive Freundschaft. So bin ich mindestens einmal im Jahr für ein verlängertes Wochenende in Chichester zu Besuch gewesen.
Langsam, sehr langsam habe ich immer mehr über ihr Leben erfahren.
Dann, eines Tages erzählte die alte Dame mir völlig überraschend die ganze Geschichte.
Unterscheidet sich Elisabeths Fluchtgeschichte deutlich von anderen, bekannten Schicksalen?
Beim Zuhören musste ich immer wieder die Luft anhalten – so spannend schilderte sie ihr so schwieriges Leben.
Die Flucht vor der Gestapo von einem Tag auf den anderen in ein fremdes Land, ganz allein auf sich gestellt, ohne Geld und noch dazu als minderjährige junge Frau. Bedenken Sie, das war zu einer Zeit, in der Frauen fast nie ohne männliche Begleitung reisten.
Das bedeutete auch, dass sie mit nur ein paar Semestern eines philologischen Studienfaches so gut wie keine Voraussetzung erfüllte, ihr Lebensziel als Lehrerin in einem Gymnasium zu erreichen.
Allein, dass sie dies dennoch, allen Widrigkeiten zum Trotz, in einem fremden Land schaffte, unterscheidet ihre Fluchtgeschichte sehr deutlich von den Fluchtgeschichten eines Thomas Manns oder Lion Feuchtwangers. Und auch von denjenigen, die ihr Leben dabei verloren oder im Elend endeten.
Warum haben Sie die Schulzeit von Elisabeth so kurzgehalten?
Ich habe die Zeit in Hamburg und die eine Woche in Berlin meiner Meinung nach weder zu kurz noch zu lang beschrieben. Doch das möchte der Leser entscheiden. Mir waren drei Dinge wichtig:
1.) Sowohl in Hamburg in der Schule und dann noch stärker in Berlin zeichnete sich schon ab, wie sich die politische Situation verschärfen würde.
2.) Die Situation der Familie lässt zudem erkennen, welche Entbehrungen schon damals Elisabeths Leben bestimmten.
3.) Der Wille von Elisabeth trotzte den Voraussetzungen, und dabei ist sie ein Beweis dafür, wie es gelingt, und gelang, als Beste aus Prüfungen hervorzugehen.
Unsere Aufgabe ist es , die Entwicklung in der Gesellschaft kritisch zu beobachten!
Unsere Aufgabe ist es , die Entwicklung in der Gesellschaft kritisch zu beobachten!

Elisabeth Jakoby in höherem Alter.©privat
Warum wollten Sie dieses Buch unbedingt schreiben?
Damals spielte dieser Gedanke noch keine große Rolle. Dennoch hat mich der Lebensweg meiner einstigen Betreuerin nie wirklich losgelassen.
Je mehr ich von anderen Schicksalen erfahren habe, desto größer wurde mein Erstaunen und desto mehr hat es mich berührt.
Was dazukam: Als Tochter eines jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter begleitete sie die Angst um ihre Eltern durch alle Stationen ihres Lebens im Ausland.
Als sie nach Kriegsende ihren Vater im Hafen von Dover in die Arme schließt, fiel es mir, obwohl ich den Text geschrieben habe, schwer, meine Betroffenheit zu verbergen.
Zudem ist ihre Geschichte heute umso wichtiger, je schneller wir die Aussagen der letzten Zeitzeugen verlieren.
Und ich denke, das Erlebnis durch ein Buch ist einprägsamer als ein Video, eine ZDF-Info oder ein Interview.
Haben Sie etwas aus dem Leben von Elisabeth gelernt?
Es ist wichtig, nicht aufzugeben, wenn man etwas erreichen will. Elisabeth ließ sich nicht entmutigen. Wenn auch viele alte Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkamen in ihre Berufe und sie ihre Macht ausspielten, hielt es sie nicht davon ab, eine Wiedergutmachung zu beantragen; auch wenn die einstigen Nazi-Schergen Elisabeth in ihrem Antrag immer noch als Mischling ersten Grades bezeichneten. Was muss das für ein emotionaler Schock gewesen sein! Doch dank ihrer Fähigkeit, nie aufzugeben, hat sie alle Hürden nehmen können. Das ist bewundernswert.
Wenn Sie den Inhalt des Buches auf heute übertragen, was glauben Sie, wo wir stehen?
Das funktioniert natürlich so nicht. Aber was geht: Wir können diese Geschichte als Warnzeichen verstehen. Und als Aufgabe, die Entwicklung sorgfältig und kritisch zu beobachten. Und um einzuschätzen, wann Handeln angesagt ist.
„Schranken gehen auf“, macht –meiner Meinung nach – deutlich, wie schnell eine verbrecherische Weltanschauung menschliches Leben zerstören kann.
Was glauben Sie, wo stehen wir heute, mit der Geschichte von Elisabeth im Hintergrund?
Es ist definitiv nicht 1933, aber es deuten sich, ganz vorsichtig interpretiert, einige sich zu schnell entwickelnde Parallelen im Umgang miteinander an.
Die verstörende Zunahme von antisemitischen Angriffen auf jüdische Einrichtungen; auf Menschen, die sich mit Kippa oder Davidstern zu erkennen geben oder aus Angst vor Angriffen genau das nicht tun. Die öffentlich vorgetragenen Drohungen zur Zerstörung Israels – wie zum Beispiel mit dem Slogan „From the river to the sea“ – sind nicht zu ertragen.
Was macht Ihnen Angst?
Es macht mir Angst, wenn Herr Höcke von der AfD davon redet, dass wir uns in einer Bürgerkriegszwischenzeit bewegen.
Es macht mir Angst, dass kein Politiker auch nur davon spricht, dass wir die zahlreichen Vorgaben des Grundgesetzes einsetzen könnten, um die Zunahme der AfD zu bremsen. Genau dafür wurden sie 1948 ins Grundgesetz aufgenommen worden.
Zu zurückgeschickten Flüchtlingen, so wie es mittlerweile weltweit Normalität ist, hat Elisabeth schon damals zwei sehr aktuelle Sätze formuliert, die auch meine Meinung wiedergeben:
„Wie kann jemand, der in sicheren Verhältnissen lebt, sich ausmalen, was es heißt, flüchten zu müssen und die Familie hinter sich zu lassen? Woher weiß man, dass Flüchtlinge nicht großen Gefahren ausgeliefert werden, wenn man sie zurückschickt?“
Lassen Sie mich zum Abschluss noch etwas ganz Wichtiges sagen: Für mich ist das Asylrecht unantastbar, was die Geschichte nur zu deutlich unterstreicht.
Wandern, Kakteen und die Lust am Schreiben

Eva Opitz bei ihrem Hobby: Kakteenzucht.©privat
Eva Opitz wurde 1947 in Duisburg geboren, wuchs in Wuppertal auf. Nach dem Abitur studierte sie in Freiburg Germanistik/Anglistik und schloss ein Zweitstudium in Biologie mit dem Diplom ab. Im Breisgau arbeitete sie anschließend als Wissenschaftsjournalistin und zuletzt als stellvertretende Pressesprecherin der Universität Freiburg. Ehrenamtliches Engagement als langjährige Vorsitzende im Freundeskreis Freiburg-Tel Aviv-Yafo als Verbindung zur Partnerstadt Tel Aviv, ausgedehnte Wanderreisen – zum Beispiel auf dem Fernweg 1 nach Italien oder auf dem Wiiwegli nach Baden-Baden, zählen zu ihren Hobbys. Eva Opitz züchtet Kakteen und sammelt Mineralien. Allerdings nimmt das Schreiben mittlerweile so viel Raum ein, dass kaum mehr Zeit für Hobbys bleibt. Derzeit bereitet Eva Opitz ihr zweites Buch vor. Darin geht es um die Geschichte eines Mannes, der mit Zustimmung von Vorgesetzten den Krieg wandernd in Österreich zubrachte. Die Autorin ist seit 1971 mit ihrer Jugendliebe verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
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