Bauamtschef in Stendal

 

Bauamtschef Georg Wilhelm Westrum treibt seit gut 30 Jahren die Stadtentwicklung von Stendal voran.

 

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Georg Wilhelm Westrum vor einer Bestandskarte Stendals. Darauf erkennt der Experte die unterschiedliche Gestaltung der Gebäude – verklinkert, verputzt oder Fachwerk.

 

Dieses Interview fand im Dezember 2021 statt und wurde in der Stendaler Volksstimme am 4. Januar 2022 veröffentlicht.


Vor gut 30 Jahren zog es Georg Wilhelm Westrum (63) von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt, um die neue Stelle als  Baudezernent in Stendal anzutreten. Seitdem hat sich die Stadt extrem gewandelt. Aus der verfallenen und runtergekommenen Altstadt wurde innerhalb weniger Jahrzehnte ein höchst attraktiver Ortskern, der Geschichte pur ausstrahlt. Georg Wilhelm Westrum war auch einer der Ersten, der sich für den Rückbau von hochgeschossigen Plattenbauten einsetzte – anfangs gegen den Willen der Wohnungsbaugesellschaften. Im Gespräch mit der Volksstimme spricht er über Terminprobleme, wachsende Bürokratie mit ihren Folgen und über fehlendes Vertrauen.

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Bauamtschef Georg Wilhelm Westrum während des interessanten und sehr informativen Gesprächs.

Herr Westrum, worüber haben Sie sich 2021 am meisten gefreut?

Das schönste Erlebnis in 2021 war die Fertigstellung des Schadewachten, der früheren Prachtstraße und Flaniermeile. Es war eine der größten und kostenintensivsten Maßnahmen in Stendal. Es hat wohl einiges über zwei Millionen Euro gekostet, im Vergleich zu anderen Projekten in der Stadt immens viel. Die gesamte Bauzeit hat – coronabedingt – 15 Monate gedauert. Immer unter den wachsamen Augen der Stendaler.

Sind die Einwohner besonders kritisch?
Das möchte ich so nicht stehen lassen; aber es gibt schon Momente, da muss ich dann ein wenig schlucken.

Ein Beispiel bitte.
Gern! Lassen Sie uns einen Blick auf das Theater werfen. Kaum gab es Probleme wurde draufgehauen: bumm, bumm, bumm. Aber das, was wir eigentlich machen wollten – die energetische Sanierung des Hauses – wurde abgeschlossen. Es stehen noch Maßnahmen an, die im Zuge dieser Arbeiten sichtbar geworden sind. Wenn ich im Haus irgendwo eine Decke öffne und stelle fest, sie entspricht nicht mehr den heutigen statischen Anforderungen, dann kann ich es nicht so lassen. Dann verzögert sich eben alles. Wenn du einen Mangel entdeckst, dann musst du ihn beheben.

Noch einmal zurück zum Schadewachten. Wird die Straße angenommen? Mir fehlt dort ein wenig das Leben …
Ja, der Schadewachten wird von Stendalern und Touristen gleichermaßen positiv angenommen und gewinnt von Tag zu Tag an Attraktivität. Es mag sein, dass noch nicht so viele Menschen den Boulevard entlangbummeln. Aber auch das wird kommen. Davon bin ich überzeugt. Vergessen Sie nicht, in der Gegend herrschte früher Totentanz. Das haben wir geändert.

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Manchmal muss selbst der Bauamtschef die Augen vor der bitteren Realität verschließen, aber nur sekundenweise.

Was war denn im ablaufenden Jahr Ihr schlimmstes oder unangenehmstes Erlebnis?
Das ist schwierig zu sagen, denn auch nicht so positive Dinge gehören zum Leben. Aber wenn es bei der Umsetzung von Maßnahmen zeitlichen Verzug gibt, dann bringt das in der Regel schon gravierende Probleme mit sich. Das lag 2021 besonders an Corona, den Lieferengpässen und einer erhöhten Anzahl von Krankheitsfällen bei den beauftragten Baufirmen. Und, ganz ehrlich, die Politik spielt manchmal auch nicht mit.

Was heißt das konkret?
Der Stendaler Wahlbetrug von vor sieben Jahren wirkt bis heute nach. Das Vertrauen zwischen Stadtrat und Verwaltung ist bis heute stark geschädigt. Darunter leidet die Arbeit. Das führt oft dazu, dass Entscheidungen unnötig lange dauern…

Das erklären Sie bitte etwas genauer…

Unsere Maßnahmenplanung für die Stadtentwicklung Stendals geht bis 2032. Danach ist die Finanzplanung ausgerichtet. Daran wiederum sind die möglichen Fördergelder und deren Beantragung orientiert. Also eine lange Kette, die zerreißt, wenn ein Glied nicht hält. Wenn dann noch Personalmangel dazukommt, wird es eng. Verdammt eng.

Fehlt es in den Bauämtern an Personal?
Ja. Im Tiefbauamt hören Ende 2021 drei Mitarbeiter auf. Wir bekommen zum Jahresanfang zwei Neue, aber die hätten wir – bei dem gestiegenen Arbeitsaufkommen – schon vor einem Jahr dringend benötigt, um sie vernünftig einarbeiten zu können.

Dazu kommt die Kostenexplosion seit Corona, oder…?
Das ist richtig. Zum Beispiel standen für die neue Sprinkleranlage im Theater etwa 245.000 Euro bereit – das ist ja schon eine beachtliche Summe. Das Geld stand bereit. Eine Firma hat ein Angebot abgegeben, es lag bei 430.000 Euro. Da sehen wir als Planer und Auftraggeber dumm da und können nichts machen.

Was konnten Sie 2021 nicht umsetzen?
Wir hätten dieses Jahr bereits Jacobikirchhof bauen müssen. Aus personellen Gründen konnte das Projekt tatsächlich noch nicht angegangen werden.

Und, was konnten Sie, neben dem Schadewachten, umsetzen?

Eine ganze Menge, da haben wir eine lange Liste.

Dann geben Sie bitte einige Beispiele.

Über das Theater haben wir bereits gesprochen. Die energetische Sanierung ist abgeschlossen. Der Neubau der Sporthalle Komarow läuft auf Hochtouren. Der neue Kiosk im Tiergarten wurde fertiggestellt. Auch für die Beregnungsanlage vom Sportplatz TuS Empor konnte der Auftrag vergeben werden. Am Altmärkischen Museum wurden die Mauer und der Zugang erneuert.
Und, und, und... Sie sehen, trotz aller Widrigkeiten wurde auch eine Menge geschafft. Der Verwaltungsaufwand für öffentliche Baumaßnahmen ist so gestiegen, dass sie mit sehr viel mehr Zeitaufwand kalkulieren und planen müssen. Wir müssen zum Beispiel auch für Arbeiten, die ich anhand von Gebührenverordnungen konkret berechnen kann, Angebote einholen. Das schreiben die EU-Richtlinien zwingend vor. Das alles kostet viel Zeit, die dann für andere Planungen nicht mehr vorhanden ist.

Also bleibt eine Menge liegen?
Unbestritten. 2021 sollte längst die Planung für eine neue Fahrzeughalle der Feuerwehr abgeschlossen sein. Doch das war aus Zeitgründen nicht möglich, der zuständige Sachbearbeiter hatte einen übervollen Schreibtisch. Als er im November mit der Planung begann, um die Auftrags-Ausschreibungen noch rauszukriegen, kam der Brand im Obdachlosenheim und er musste sich darum kümmern.

Sehen Sie überhaupt noch Möglichkeiten, den Verwaltungsaufwand wieder zu verringern?
Nein, ich sehe keine. Ganz ehrlich: Damit graben wir uns unser eigenes Grab. Und, alle Projekte werden dadurch auch teurer. Öffentlicher Bau ist der teuerste überhaupt. Ein Grund: Unternehmen kalkulieren die Zeitschiene von der Ausschreibung bis zur Rechnungslegung mit ein und erhöhen ihr Angebot entsprechend.

Sie sagen, Sie haben 2021 eine Menge gebaut und fertiggestellt. Was glauben Sie, wie wirken sich Ihre Maßnahmen für die Stadt aus?
Ich denke, Stendal hat sich in den vergangenen 30 Jahren enorm entwickelt – auch im Vergleich zu ähnlichen Gemeinden. 2020 haben wir beim „Stadtumbau Award“ Sachsen-Anhalt den zweiten Platz belegt.

Was ist das für eine Auszeichnung?
Der Stadtumbau Award würdigt die Sanierung und Erneuerung historischer Altstädte in den letzten drei Jahrzehnten. Für uns war der zweite Platz ein Riesenerfolg, der uns sehr stolz macht.

Was erwarten Sie für 2022?
Etwas zu erwarten ist schwierig. Ich wünsche mir, dass die Maßnahmen, die wir bereits geplant haben – im Einklang mit unserer Personalstärke und dem Stadtrat – auch wirklich gelingen und umgesetzt werden. Und, ich denke, wir müssen uns erneut mit Rückbaumaßnahmen beschäftigen, da auch Stendal den demografischen Wandel wieder stärker berücksichtigen muss.

Das heißt?

Abnahme der Bevölkerung und Änderung des Wohnverhaltens. Die Menschen möchten raus aus der Platte und ins Grüne.

Letzte Frage: Was wird nach Silvester Ihre erste Aufgabe sein?
Ich werde wohl auf die Jagd gehen.