„Er hat unser Leben zerstört“

 

AZ-Interview mit dem Onkel von Kezhia H., wie die Familie mit dem Geschehen umgeht

 

 

Nachdem die Prozesstage im Jahr 2023  beendet, sind hat der Onkel von Kezhia H. sich bereiterklärt über die Situation der trauernden Familie zu sprechen.

Im Exklusiv-Interview spricht der Onkel von Kezhia, wie ihre Familie versucht, zurück in ein normales Leben zu finden.

Das Interview erschien am Samstag, 23. Dezember 2023 in der Altmark Zeitung in den Ausgaben für den Altmarkkreis Salzwedel und den Landkreis Stendal in den Lokalteilen.

Stendal/ Klötze – Er ist immer da, sitzt – wenn möglich – in der ersten Reihe. Von hier aus kann er Tino B. gut beobachten und der Verhandlung, um die gewaltsame Tötung seiner Nichte Kezhia, folgen: Peter H. (Vorname von der Redaktion geändert), Onkel der bestialisch getöteten Kezhia aus Klötze. Wochenlang beschäftigte das unerklärliche Verschwinden der jungen Bäcker-Auszubildenden und ihr grausamer Tod die Schlagzeilen. Für die Familie eine Zeit unendlicher Qualen und unendlichen Leids. Bis heute. Dennoch kommt Peter H. zu jedem Verhandlungstag – für ihn eine selbstverständliche Pflicht gegenüber der Verstorbenen, ihrer Mutter, ihrem Bruder und allen Familienangehörigen. „Ich will die Wahrheit wissen, obwohl ich nicht glaube, dass wir sie jemals erfahren werden. Die kennt nur ihr Mörder, Tino B.“, sagte der 47-Jährige in einem ersten Gespräch mit der AZ.
Nach dem letzten Prozesstag in diesem Jahr trafen wir Peter H. zu einem Interview in einem Stendaler Café. Mit dabei: Seine Lebensgefährtin, der Bruder von Kezhia und Rechtsanwalt Holger Stahlknecht. Der ehemalige Innenminister von Sachsen-Anhalt vertritt die Nebenklägerin, Kezhias Mutter, vor Gericht. Aber eigentlich die ganze Familie, denn im Gespräch ist zu spüren und zu erfahren, wie die ganze Familie durch die schrecklichen Ereignisse zusammengewachsen ist und wie jeder Einzelne versucht, gemeinsam mit den Anderen das schlimme, nicht enden wollende Leid zu ertragen.

Der Blick auf die Plätze des Angeklagten und die Verteidigerinnen.© Thomas Pfundtner

Wie geht es Ihnen und Ihrer Schwester?
Ganz ehrlich, es geht uns seit Kezhias Tod einfach nur schlecht.
Wann haben Sie zum ersten Mal geahnt, dass Tino B. der Täter ist?
Ich erinnere mich genau: Am Tag, als die Familie und ich über Kezhias Verschwinden informiert wurden, fragte mich meine Schwester, ob ich mich traue Tino B. anzurufen, um zu erfahren, was vorgefallen ist. Ich kannte ihn damals nur vom Hörensagen.
Am Abend und am nächsten Tag habe ich länger mit Tino B. gesprochen. Bereits beim ersten Telefonat verstrickte er sich in Widersprüche. Beim zweiten Telefonat noch mehr. Nach dem Auflegen sagte ich laut zu mir: „Ich habe gerade mit einem Verbrecher gesprochen.“ Ich wusste, dass er mit dem Verschwinden meiner Nichte etwas zu tun hatte.
Aber dass Kezhia so etwas Schreckliches und Grausames zugestoßen sein könnte, habe ich mir damals noch nicht vorstellen können. Ich wusste, Tino B. lügt und habe ihn deshalb auch nie wieder angerufen.
Konnten Sie die Beziehung verstehen?
Überhaupt nicht. Ich muss aber dazu sagen, Kezhia ist volljährig gewesen und hat sich von uns das Recht erbeten, über ihr Leben selbst zu entscheiden. Wir alle waren doch auch einmal jung und oft davon überzeugt, dass unsere Entscheidungen richtig waren. Allerdings haben wir daraus auch lernen können – egal, in welche Richtung. Diese Möglichkeit wurde Kezhia genommen!
Glauben Sie, dass Ihre Nichte Tino B. verfallen war?
Verfallen würde ich das nicht nennen. Sie wurde von ihm geblendet und manipuliert. So entstand für viele eben dieser Eindruck. Dies führte für einige Außenstehende zu diesem Eindruck.
Kezhia war jung und unerfahren. Vielleicht hat sie in der Zeit des „Erwachsen werdens“ zeitweise ihre Familie „verloren“. Eine Familie, die für uns alle immer eine wichtige Stütze war und ist. Und genau während dieser „Problem-Zeit“ geriet meine Nichte an einen Menschen, der diese emotional nicht einfache Situation ausschließlich zu seinem persönlichen Vorteil ausnutzte.
Tatsächlich haben auch wir erst durch den Prozess erfahren, wie gut es Tino B. beherrschte, andere Menschen zu manipulieren und auf seine Seite zu ziehen. Ausschließlich auf seine Seite!
Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Tino B. sehen und vor Gericht erleben?
Tatsächlich muss ich sehr an mich halten, um nicht meine Gedanken herauszuschreien. Ich sehe den Täter. Er lebt und Kezhia nicht. Er hat über ihr Leben entschieden. Und nun steht er nicht dazu. Im Gegenteil: Jetzt versucht er mit allen Mitteln, sich aus seiner Schuld herauszuwinden. Das macht mich nicht nur fassungslos. Nein, ich bin wütend.
Wie versuchen Sie Ihre Schwester, Kezhias Bruder und die Großeltern zu unterstützen?
Indem ich an jedem Gerichtstermin teilnehme und meiner Familie berichte, was passierte. Das ist besser für alle Betroffenen, als es aus der Presse zu erfahren.
Glauben Sie, dass die Tat restlos aufgeklärt wird?
Die tatsächliche Wahrheit werden wir wahrscheinlich nie erfahren, die kennt allein nur der Täter. Der Prozess versucht dieser Wahrheit so nah wie möglich zu kommen. Und damit werden wir uns abfinden müssen. Ich denke aber auch, ich und viele andere, die an dem Prozess teilnehmen, sind irgendwie auch wichtig für eine gerechte Urteilsfindung für Kezhias völlig sinnlose Tötung.
Gerade mit diesem Wissen sind wir Herrn Stahlknecht – nicht nur für seine Arbeit als Vertreter der Nebenklage – sondern besonders für seine Unterstützung unserer Familie sehr dankbar. Ohne ihn wären wir allem hilflos ausgeliefert.

Wie war Ihr Verhältnis zu Kezhia?
Gut. Als sie dann älter wurde und ihre eigenen Wege ging, sahen wir uns nicht mehr so oft. Aber wenn ich bei meinen Eltern war, kam sie immer ins Haus, wollte wissen, wie es mir geht. Besonders wichtig war ihr, dass wir beide jedes Jahr auf dem Martinimarkt zur Schießbude gingen und mit dem Luftgewehr ein Plüschtier für sie schossen. Ja, wir hatten ein gutes Verhältnis. Ich erinnere mich an so viel, was wir unternommen haben. Nun sind es nur noch Erinnerungen…
Beschreiben Sie uns bitte das Leben der Familie vor der schrecklichen Tat.
Es war von Fußball im Verein des VfB Klötze geprägt. Jeder übernahm Aufgaben und Pflichten im Verein – freiwillig und mit viel Engagement. Die Familie lebte und liebte Fußball. Der Bruder bis zu seiner Verletzung als Spieler. Kezhia erst als Spielerin, dann als Schiedsrichterin. Oft wurde sich bei Oma und Opa getroffen. Da gab es immer etwas zu essen, wenn man Hunger mitbrachte. Jeder hat jeden unterstützt, geholfen, wo es nötig war und gefeiert, wenn es angebracht war. Wir waren eine Familie wie Millionen andere auf der Welt. Bis dann alles auf den Kopf gestellt wurde.
Es begann mit dem Verschwinden von Kezhia…
Wir waren fassungs-, rat- und hilflos. Sang- und klanglos verschwinden? Nein! Das war nicht Kezhia. So schoss es uns allen durch den Kopf, als Kezhia tagelang nicht auftauchte. Dann immer wieder die Hoffnung, dass sie zurückkommt und alles gutgeht. Aber schnell erkannten wir, dass dem wohl nicht so sein wird. Diese Zeit des Wartens, Bangens und Hoffens war zerstörerisch und belastend. Die Erinnerung daran ist es bis heute und wird wohl immer bleiben.
Woraus schöpfen Sie und die Familie Kraft?
Wir halten uns mit den alltäglichen Dingen am Laufen, gehen bis auf Kezhias Mutter unseren Tätigkeiten nach und suchen auch im gesellschaftlichen Leben Ablenkung. Sind den Menschen um uns herum dankbar für ihr Mitgefühl, aber auch über jede Normalität, die uns für kurze Zeit ablenkt.
Was erwarten Sie vom Gericht?
Gerade durch meine Teilnahme an jedem Gerichtstag sehe ich, wie schwer es für das Gericht sein muss, aus den vielen Informationen die Wahrheit zu finden. Den Menschen, die hinter dem Amt Richter, Beirichter, Schöffen stehen, möchte ich meinen Respekt für die bis dato geleistete Arbeit aussprechen und hoffe, dass sie die tatsächliche Wahrheit finden, sehen und aussprechen. Für mich bedeutet das, dass Tino B. nie wieder freikommt.
Können Sie die Verhandlung werten oder beurteilen?
Das steht mir nicht zu. Doch wenn ich nach einem Verhandlungstag mit unserem Anwalt rede und wir – seiner Meinung nach einen Punkt gemacht haben – spüre ich Erleichterung. Macht die Verteidigung Punkte, werde ich wütend. Ich denke aber, das ist eine normale menschliche Reaktion. Aber, ich frage mich auch immer wieder, wie es sein kann, dass eine Rechtsanwältin aus Gardelegen das Mandat als Wahlverteidigerin angenommen hat…
Wieso?
Es ist für mich unbegreiflich, dass eine Mutter einen Mann wie Tino B. verteidigt. Warum macht sie das? Viele in der Region kennen sie und ihren Vater. Sogar im VfB Klötze. Was geht in ihr vor? Sie hätte das Mandat doch nicht annehmen müssen.

Ich habe realisiert: Das Leben wird nie mehr so sein wie früher.

Was passierte mit Ihnen, als Sie das Geständnis von Tino B. hörten?
Ich war wie erstarrt während und nach dem Verlesen. Besonders die Erklärungen für diese Tat machten mich fassungslos. „Was habe ich da gerade gehört?“, musste ich mich immer wieder fragen. Tino B. hatte von Anfang an gelogen, und damit machte er auch in seinem Geständnis weiter. Ich habe mich gefragt, wo das enden wird. Ich habe mir vorgestellt, dass er immer eine neue Geschichte erzählen wird und ich das nicht aushalten könnte. In mir kroch eine Wut und Verzweiflung hoch, die ich so noch nie erlebt habe.
Am letzten Tag wurde das Sweatshirt gezeigt, das ihre Nichte trug, als sie erstochen wurde …
… das war schrecklich für mich. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich eigentlich überhaupt nicht realisiert, dass nichts mehr ist, wie es einmal war. Dann sah ich den Pulli und wusste, mein Leben wird für immer ein anderes sein. Nicht nur für mich, für uns alle. Tino B. hat unsere Normalität zerstört – aus Egoismus, vielleicht sogar aus Neid.
Wie lebt Ihre Schwester heute?
Sie hat sich zurückgezogen. Es gibt für sie kein normales Leben mehr. Fußball und der Verein? Unwichtig! Sie geht nicht mehr unter Menschen, weil sie nicht erkannt und bemitleidet werden möchte. Mittlerweile versucht meine Schwester auch, das Geschehene zu verarbeiten und eine Art Tagesablauf zu gestalten, der sie ablenkt.
Oft besucht sie ihre Mutter, damit sie sich gegenseitig in dieser schlimmen, schweren Zeit unterstützen ...
Und Kezhias Bruder?
Er war die letzten Tage mit im Gericht. Auch er möchte die Wahrheit erfahren. Ich weiß, wie sehr ihn alles belastet. Deshalb bin ich froh, dass er im Verein und in seiner Familie gut aufgehoben ist. Und es ist gut, dass es viele Menschen gibt, die zu ihm halten, die wissen, dass die Lügen, die Tino B. über ihn verbreitet hat, nicht stimmen.
Aber auch vor ihm liegt weiterhin ein langer schwerer Weg. Erst der Verlust des Vaters und nun der unfassbare Tod seiner Schwester…
Eine letzte Frage: Wie werden Sie Weihnachten verbringen?
Zu Heiligabend hat Kezhias Bruder die Familie zum gemeinsamen Beisammensein und für die Bescherung eingeladen. Soweit es überhaupt möglich ist, möchten wir „Normalität“ einkehren lassen. Am nächsten Tag geht die Familie gemeinsam zum Weihnachtsessen. In diesem Jahr werde ich nicht dabei sein. So sehr mir das leid tut, aber ich schaffe das nach all dem Erlebten im Moment nicht.