Fragen & Antworten: Wie Rechtsanwalt Holger Stahlknecht den Prozessverlauf sieht

 

Holger Stahlknecht und Justizbeamte im Landgericht Stendal. © T.Pfundtner

Das Leben wird nie wieder so sein wie vor der Tat

 

Rechtsanwalt der Nebenklägerin, Holger Stahlknecht © Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0

 

Das Gespräch mit dem Rechtsanwalt der Nebenklägerin und Mutter von Kezhia H., Holger Stahlknecht, wurde am Donnerstag, 23. November 2023 in der Altmark Zeitung in der Ausgabe für den Altmarkkreis Salzwedel im Lokalteil für die Altmark veröffentlicht.

Anwalt Holger Stahlknecht betritt gut vorbereitet den Verhandlungssaal. © T.Pfundtner

Der ehemalige Innenminister Holger Stahlknecht vertritt in dem Prozess um die Tötung der jungen Kezhia H. die Nebenklägerin, ihre Mutter. Seit Beginn der Verhandlung gegen den Täter Tino B. sitzt der Anwalt ruhig neben Oberstaatsanwältin Ramona Schröder, macht sich Notizen, beobachtet den Angeklagten. Anwalt Stahlknecht stellt nur wenige Fragen, bleibt dabei immer sachlich und freundlich – selbst wenn die Verteidigung emotional wird oder keine Antwort gibt. Manchmal aber – zum Beispiel beim Verlesen des Geständnisses des Angeklagten – schüttelt Holger Stahlknecht seinen Kopf und schaut Tino B. scheinbar fassungslos an. So, als könne er nicht fassen, mit wie viel Lügen und Unterstellungen der Täter versucht, seine Tat zu relativieren. Vor der Fortsetzung der Verhandlung am 30. November sprach die AZ mit dem Anwalt von Kezhias Mutter.

Herr Stahlknecht, die wichtigste Frage gleich zuerst: Wie geht es Ihrer Mandantin?

Frau H. ist nach wie vor über den gewaltsamen Tod ihrer Tochter tief erschüttert und traurig. Seit die sterblichen Überreste gefunden wurden, ist sie krankgeschrieben und nervlich am Ende.

Wie verlief die Aussage Ihrer Mandantin?

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich dazu nicht äußern möchte. Nachdem meine Mandantin auf meinen Antrag hin unter Ausschluss der Öffentlichkeit vom Gericht befragt wurde, verbietet es sich, dazu etwas zu sagen.

Konnte Frau H. zur weiteren Aufklärung beitragen?

Ihr war und ist es wichtig, dass sie – entgegen dem Vorbringen der Verteidigung und der Einlassung des Angeklagten – ein gutes Verhältnis zu ihrer getöteten Tochter hatte und es sich um eine harmonische, intakte Familie handelte – bis zum Verschwinden der Tochter.

Tatsächlich hat der gewaltsame Tod von Kezhia in die Familie tiefe Trauer getragen. Bei allen Angehörigen wurden persönliche, schwere Wunden gerissen, die noch lange nicht verheilt sind.

Wie beurteilen Sie den bisherigen Prozessverlauf?

Die Verhandlung verläuft auch dank der guten Verhandlungsführung des Vorsitzenden Richters, Ulrich Galler, in sachlicher Atmosphäre.

Im Prozess werden auch Sachverständige gehört. Beeindruckend war zum Bespiel das erstellte Bewegungsprofil des Täters. Was dachten Sie, als Sie dieses Gutachten hörten?

Das Gutachten über das Bewegungsprofil des Angeklagten durch den Sachverständigen Geoinformatiker Professor Dr. Thomas Brinkhoff von der Jade Hochschule in Oldenburg hat maßgeblich zur Aufklärung des Falles beigetragen. Ehrlich, vor dieser gutachterlichen Leistung kann ich nur den Hut ziehen. Und, ich habe mit Erstaunen festgestellt, mit welchen Mitteln heutzutage die Ermittlungen der Kriminalisten mit modernsten technischen Mitteln und Möglichkeiten unterstützt werden.

Haben Sie geglaubt, dass nach der Einlassung des Täters ein Urteil bereits im Dezember fallen könnte?

Nein. Tatsächlich hat das Gericht bereits weitere Verhandlungstage für Januar und Februar anberaumt. Es müssen noch viele Zeugen gehört werden, um auf alle Fragen zu der schrecklichen Tat, eine Antwort zu bekommen. Nein, ich gehe nicht davon aus, dass dieses Jahr der Prozess endet.

Sitzungssaal 218 vor einem Verhandlungstag ©T.Pfundtner

Welchen Eindruck macht der Angeklagte Tino B. auf Sie?

Nach den bisherigen Zeugenaussagen ist der Angeklagte für mich nicht glaubwürdig und seine Aussagen sind in keiner Weise glaubhaft. Tino B. hat immer wieder Wahrheiten für sich erfunden. So hat er andere – unter anderem auch sein Opfer Kezhia, ihre Familie und auch seine Familie ständig belogen.

Der Täter hat eine neunseitige Einlassung von seinen Anwälten verlesen lassen. Darin gesteht er die Tat. Nachdem Sie das alles gehört haben – welche Fragen bleiben für Sie offen?

Die entscheidenden Fragen werden an den Gerichtsmediziner hinsichtlich des Tötungsverlaufs zu stellen sein.

Gefühlsmäßig aber werden auch nach dem Prozess viele Fragen bleiben, die wohl nie beantwortet werden.

Der Angeklagte Tino B. versteckt sich immer hinter einem blauen Aktendeckel und schau niemandem ins Gesicht.©T.Pfundtner

Wie hat die Familie auf dieses Geständnis reagiert?

Meine Mandantin und ihre Familie waren schockiert über das Geständnis des Angeklagten. Insbesondere deshalb, weil er vortragen lassen hat, dass Kezhia H. ihn mittels eines Messers zu einer sexuellen Handlung nötigen wollte und damit ihren eigenen Tötungsverlauf in Gang gesetzt hat.

Gibt es etwas, dass Sie dem Angeklagten gern sagen würden?

Dies bleibt selbstverständlich meinem Schlussplädoyer vorbehalten. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dem Angeklagten aber bereits jetzt zurufen, dass er ein junges Leben zerstört und über deren Familie tiefe Trauer gebracht hat. Letztendlich hat er auch seine eigene Familie zerstört. Für seine Ehefrau und seine Kinder wird das Leben nie wieder so sein wie vor der unglaublichen Tat.

Was bisher geschah

• 4. März 2023: Tino B. (42) fährt mit seiner langjährigen Geliebten Kezhia H. (19, beide aus Klötze) in einem Lieferwagen in einen Wald im Landkreis Gifhorn. Dort kommt es zum Geschlechtsverkehr. In dessen Verlauf oder unmittelbar danach tötet der verheiratete, dreifache Familienvater und Fußballtrainer sein Opfer mit 32 Messerstichen. Er versteckt die Leiche auf einer Mülldeponie.
• 6. März: Tino B. meldet Kezhia bei der Polizei als vermisst.
• 7. März: Tino B. holt die Leiche, setzt sie in Brand und vergräbt sie 1,80 Meter tief in einer Kiesgrube bei Bahrdorf (Landkreis Helmstedt) mit Hilfe eines Firmenbaggers. Kezhias Lieblingskuscheltier legt er mit in die Grube.
• 20. April: Ein Fahrtenschreiber des Firmenwagens bringt die Ermittler auf die Spur: Neun Polizeibeamte graben Kezhias Überreste aus. Tino B. wird festgenommen.

• 19. September: Erster Verhandlungstag im Mordprozess gegen Tino B.: Die Anklage wird verlesen.
• 20. Oktober: Tino B. lässt vor Gericht verlesen, dass er Kezhia H. getötet hat. Sie habe ihn mit einem Messer zum Sex gezwungen und unbedingt ein Kind gewollt. Er habe nicht mehr gewusst, was er tat, und wisse auch nicht, wie oft er zugestochen hat. Für den Anwalt der Nebenklägerin (Kezhias Mutter), Holger Stahlknecht, ist nach diesem Prozesstag die Strategie der Verteidigung klar: Man wolle statt auf Mord auf Totschlag abzielen. Bei einer Verurteilung wegen Mordes sieht das Gericht eine lebenslange Freiheitsstrafe vor. Erkennt die Kammer auf Totschlag, liegt das Strafmaß zwischen fünf und 15 Jahren.
• Der nächste Verhandlungstag vor dem Stendaler Landgericht ist Donnerstag, 30. November.
Weitere Verhandlungstage sind anberaumt, mit einem Urteil wird in diesem Jahr nicht mehr gerechnet.