Wolf E. Rahlfs

 

Was Einsparungen für das Theater der Altmark bedeuten.  

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Bei den finanziell dunklen Aussichten kommt der Intendant ins Grübeln, woran wohl noch gespart werden könnte, ohne den kulturellen Anspruch zu mindern.

Nicht nur Corona schränkt die Handlungsfähigkeit der Theater ein. Schauspieler und Mitarbeiter des Theaters der Altmark in Stendal unterstützten die Aktion #RetteDeinTheater in Niedersachsen. Sie zeigten Solidarität für ihre Kollegen im Nachbarbundesland. Mit dem Intendanten des Theaters der Altmark Wolf E. Rahlfs sprach ich im November 2021 über die Proteste des Theaterteams und die Konsequenzen der Sparpläne für das TdA.

Das Gespräch wurde in der Stendaler Volksstimme am 25.11.2021 unter der Überschrift „Wenn bei der Kultur gespart wird“ veröffentlicht.


Biographie von Wolf E. Rahlfs

15.09.1977  Geburt in Hannover

1998 – 2003 Schauspiel- und Regiestudium in Liverpool, London, Toronto
2003 – 2018 Schauspieler und Regisseur, u.a. Die Badische Landesbühne, Theater Koblenz, Schauspielbühnen Stuttgart, Deutsches Staatstheater Temeswar (Rumänien)
2018 – 2023 Geschäftsführender Intendant des Theaters der Altmark, Landestheater Sachsen-Anhalt Nord, Stendal
Ab der Spielzeit 2023/24 designierter Intendant Die Badische Landesbühne

Stendal. Deutschlands Theater sind im Aufruhr. Grund ist der Entwurf des Niedersächsischen Finanzministeriums, der für die kommenden Jahre erhebliche Einbußen in Millionenhöhe für die Staatstheater Hannover vorsieht. Im Rahmen eines Corona-Schuldenabbaus für 2022/23 sollen die geplanten Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst (TVöD) am Staatstheater Hannover und den kommunalen Bühnen in Niedersachsen nicht übernommen werden. Zudem werden weitere Investitionskosten, die zum Erhalt der Spielfähigkeit dringend notwendig sind, nicht übernommen. Die Theater in Deutschland sind nun in großer Sorge, dass der niedersächsische Vorschlag bundesweit Schule macht und wehren sich mit der Aktion #RETTEDEINTHEATER. Auch das Theater der Altmark hat sich der Aktion angeschlossen. Volksstimme-Mitarbeiter Thomas Pfundtner sprach darüber mit dem geschäftsführenden Intendanten Wolf E. Rahlfs.

Herr Rahlfs, warum unterstützen Sie die Aktion?
Der Grund liegt auf der Hand. Was in Niedersachsen vorgeschlagen wurde, bedeutet faktisch das Einfrieren der Tarifdynamisierung – sowohl für die normalen Angestellten als auch für die künstlerisch Beschäftigten. Einfach gesagt: Es gibt keine Gehaltserhöhungen mehr. Wenn die Tarife also eingefroren werden, kommt das einer Kürzung des Etats gleich.

Was bedeutet das genau…?
 …dass Sie dieses Geld nur im dispositiven Etat wieder einspielen können. Will sagen: Wir können nur überlegen, wie wir bei den Spielplänen oder den Honoraren darauf reagieren.

Das erklären Sie bitte etwas genauer.
Gern. Sie müssen dann entscheiden, ob Sie für ein Stück nur drei anstatt, sagen wir, fünf Musiker,engagieren.
Oder ob Sie geringere Honorare bei Engagements zahlen, was bei den ohnehin übersichtlichen Honoraren kaum möglich ist. Das begrenzt damit die Leistungsfähigkeit eines jeden Theaters. Deshalb zeigen wir Solidarität mit den Theatern in Niedersachsen und machen auch bei uns auf die Problematik aufmerksam. Zumal die Einspardiskussion seit Corona immer wieder überall hochkocht, sogar bei renommierten Theatern wie den Münchner Kammerspielen oder dem Staatsschauspiel Mainz. Daran ist klar zu erkennen, dass es jedes Haus treffen kann, mitnichten nur die kleinen Theater.

Was glauben Sie wird in Sachsen-Anhalt passieren?
Tatsächlich bin ich zur Zeit doch noch recht optimistisch…

Warum?
Weil der neue Kulturminister der alte ist – Rainer Robra. Er ist nicht nur ein guter Zuhörer, sondern hat immer ein offenes Ohr für die Probleme der Kulturschaffenden. Ich gehe davon aus, dass er bei den Verhandlungen für die Theaterverträge ab 2024  – wie bisher auch – die Tarifdynamisierung mit verankert und uns Planungssicherheit gibt. Gehaltserhöhungen müssen selbstverständlich sein. Zumal Schauspieler sowieso am Theater nicht zu den Besserverdienenden zählen, und ebenso wie alle anderen mit den allgemeinen Kostensteigerungen zurechtkommen müssen.

Lassen Sie uns noch einmal durchspielen, was Kürzungen konkret für das Theater der Altmark bedeuten würden.
Eigentlich habe ich mir darüber noch nicht so viele Kopfschmerzen gemacht, und habe das auch nicht vor. Aber mal angenommen, es kommt zu Kürzungen, würde ich alles dransetzen, Personaleinsparungen zu vermeiden. Man könnte eigentlich nur darüber nachzudenken, ob das Theater nicht die Schlagzahl der Neuproduktionen reduziert, um die Kürzungen zu kompensieren. Aber diese Anzahl Neuproduktionen ist ja wohl überlegt und nicht zufällig.
Im Grunde haben wir nur drei Etats, an denen gedreht werden kann: Künstler, Ausstattung und die Werbung. Weniger Werbung und Social-Media-Arbeit bedeutet auch weniger Aufmerksamkeit, also kommen weniger Zuschauer. Diese sind aber unser Kapital und garantieren den Erhalt eines Theaters.
Also bliebe nur die Schraube der Neu-Produktionen.

Könnten Privatsponsoren bei staatlichen Einsparungen eine Alternative sein?
Dauerhaftes Engagement für die subventionierte Kunst zu erreichen, ist tatsächlich eine Knochenarbeit. Dafür benötigen sie mindestens eine Halbtagsstelle. Jedes Theater hat heutzutage zumindest einen Förderverein. Das ist tatsächlich ein zivilgesellschaftliches Dauersponsoring. Wir schaffen damit Dinge an, die wir uns normalerweise nicht leisten könnten. Dann haben wir die Sparkasse Stendal, die uns jedes Jahr zuverlässig beim Jugendtheater unterstützt. Und dann gibt es mehrere Stendaler Unternehmer, die uns mit Anzeigen in unserem Jahresspielplan fördern und unterstützen. Aber, ganz ehrlich, das reicht natürlich nicht und kann öffentliche Finanzierung nicht ersetzen. Ich halte es auch für selbstverständlich, dass der politisch gewollte Kulturauftrag öffentlich finanziert wird.

Corona ist noch nicht vorbei. Wie läuft es denn im Moment bei Ihnen?
Wir haben auch gemerkt, dass es schwierig war, die Leute zurück ins Theater zu bekommen. Gerade im Sommer, beim Freilufttheater. Als wir nach sieben Monaten endlich wieder loslegen konnten, kamen eben nur wenige Leute zur Premiere. Zum einen hat die Hälfte der Leute noch nicht gewusst, dass es wieder losgeht. Zum anderen dauerte es, bis die Test- und Nachweis-Rituale eingespielt waren.  Jetzt habe ich den Eindruck, dass unsere Zuschauer zurückgekommen sind. Also, das was ich von vielen Großstadt-Kollegen zu mangelnder Auslastung höre, kann ich so nicht uneingeschränkt bestätigen. Selbst das Burgtheater Wien spricht momentan von 66 Prozent Auslastung! Nichtsdestotrotz bleibt es überall eine Aufgabe, die Menschen wieder ins Theater oder zur Kultur zu holen. Schlimm wäre es, wenn wir jetzt noch einmal ein halbes Jahr dichtmachen müssten. Dann wären die Aussichten düster. Wenn wir einigermaßen durch diesen Winter kommen, dann bin ich zuversichtlich – in Bezug auf dieses Haus – aber auch für die deutsche Theaterlandschaft.