Interview mit Jeffrey Archer

Jeffrey Archer

 

„Ich kann nichts – außer schreiben“

 

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Das Berliner Hotel de Rome wurde zwischen 1887 und 1889 erbaut und diente bis 1945 als Hauptsitz der Dresdner Bank. Im Fußboden der früheren Schalterhalle und des heutigen Ballsaales finden sich noch immer die Namen der vier Hauptgeschäftsstellen der Bank – Dresden, Bremen, London und Berlin. Zu Sozialismuszeiten diente es kurzfristig als Kino. Interessant: Das Spa de Rome befindet sich im ehemaligen Tresor der Bank. Zu den originalen Details gehören 15 cm dicke Stahltüren, die in ein Behandlungszimmer führen. Die Blattgold-Mosaike an den Wänden erinnern an die Goldreserven der Bank, die hier einst aufbewahrt wurden.  Jeffrey Archer genoss den Aufenthalt in dem Hotel sichtlich. Klar schätze ich Luxus und eine angenehme Umgebung, aber mir reichen auch eine Butterstulle, ein Bier und ein Stuhl, um mich wohlzufühlen.Foto/Copyright: Heinz Heiss

Er ist wohl der englische Bestseller-Autor schlechthin: Jeffrey Archer. Gemeinsam mit dem Fotografen Heinz Heiss waren wir zum Interview in das Berliner 5-Sterne Hotel de Rome, mitten im Herzen von Berlin, eingeladen.

Elegantes, gediegenes Ambiente und ein britischer Gentleman. Beste Voraussetzungen für das Interview.

Allerdings: Jeffrey Archer ist nicht immer der typisch britische Gentleman. Wenn es um sozialpolitische Themen, für die er sich in Großbritannien stark engagiert, geht, wird er sehr emotional und manchmal energisch.

In solchen Momenten ist deutlich zu spüren, wie sehr ihn Armut, mangelnde Bildungschancen oder Ungleichheit bewegen. 

Im Oktober 2018 wurden Teile des Interviews in der Stadtgottes veröffentlicht. Hier lesen Sie das komplette und im Dezember 2020 ergänzte Interview.

Am Telefon erzählte mir Jeffrey Archer seine persönliche Corona-Situation und seine Brexitbefürchtungen. Da er aber Demokrat durch und durch ist, akzeptiert er den Volksentscheid und den endgültigen Rückzug Großbritanniens aus der EU.

Jeffrey Archer hat in vielen Büchern über die ehemalige DDR geschrieben. Im Interview gestand er mir dann aber, dass er vor dem Mauerfall noch nie das sozialistische Deutschland besucht hatte. Auf dem Foto ist deutlich zu erkennen, dass ich über dieses Geständnis ziemlich erstaunt war. Foto/Copyright: Heinz Heiss

Mr. Archer, in wenigen Tagen ist es so weit – England verlässt endgültig die Europäische Union. Wie denken Sie darüber?

Ich war immer ein Gegner des Brexits, bin aber ein Fan der Demokratie. Unsere Nation hat sich gegen einen Verbleib in der EU ausgesprochen, also müssen wir auch damit zurechtkommen. Ich befürchte allerdings, es wird eine Menge Probleme geben …

… welche?

Nur ein Beispiel: Wie wird sich unsere Wirtschaft entwickeln? Europa ist stark und insgesamt ökonomisch sehr gut aufgestellt. Das sieht bei uns ganz anders aus. Wie sollen wir dagegenhalten? Ich kann mich noch gut an meine Zeit im Unterhaus erinnern. Damals – das war vor über 47 Jahren – habe ich für den Beitritt Großbritanniens in die Europäische Union gestimmt. Nur gemeinsam sind wir stark, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Das gilt für mich bis heute. Traurig, aber wahr: Europa ist für Großbritannien verloren.

Wie sind Sie persönlich vom Brexit betroffen?

(Lacht): Materiell sicher nicht. Aber Spaß beiseite. Ich bin viel in Europa unterwegs. Wenn ich mir die künftigen Beschränkungen näher ansehe, vergeht mir die Lust, zu reisen.

Das geht im Moment durch das Coronavirus doch sowieso nicht…

Richtig. Aber in England sind gerade die Impfungen gestartet. Es ist also absehbar, dass wieder Normalität in unser Leben zurückkehrt. Ich hoffe, dass meine Frau und ich schon bald geimpft werden, wir gelten mit 75 beziehungsweise 80 Jahren auch als Risikopatienten.

Wie hat das Virus Ihr Leben verändert?

Meine Frau und ich sind soweit es möglich war, zu Hause in Cambridge geblieben. Ich habe die letzten Monate genutzt, um den dritten Band meiner „Warwick-Saga“ zu schreiben und Teil vier vorzubereiten. In Deutschland ist ja gerade der zweite Band „Klang der Hoffnung“ erschienen. Teil drei kommt dann demnächst.

Mit „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ schafften Sie 1974 ein ordentliches Debüt als Schriftsteller. Damals schrieben Sie, um Ihre Gläubiger zu bezahlen ….

Das stimmt. Aber während ich das Buch schrieb, erkannte ich noch etwas anderes …

 … Sie machen mich neugierig, was denn?

Jedes Buch ist anfangs eine beängstigende Herausforderung. Aber eigentlich fiel es mir dennoch leicht, die Geschichte zu erzählen, ihre Charaktere zum Leben zu erwecken und spannend zu schreiben. Mir wurde klar, der liebe Gott hatte mir ein großes Geschenk für mein Leben mitgegeben – die Gabe, zu schreiben und eine Geschichte zu erzählen. Mein großer, internationaler Durchbruch kam zwar erst drei Jahre später mit „Kain und Abel“, aber der Grundstein war gelegt.

Glauben Sie an Gott?

Sagen wir mal so, wenn ich beim Schreiben feststelle, es funktioniert, dann schaue ich immer wieder nach oben Richtung Himmel und bedanke mich beim lieben Gott. Das ist kein Spruch, sondern das fühle ich und meine es ernst. Außerdem sollten wir nicht vergessen, Glauben bedeutet auch Hoffnung. Und wer keine Hoffnung mehr hat ist verloren.

Sie haben sich aber intensiv mit Religion beschäftigt und auch die Geschichte von Judas neu erzählt.

Das war vor 12 Jahren. Ich habe mich immer gefragt, warum hat Judas Jesus verraten? Gemeinsam mit dem theologischen Experten Francis J. Moloney haben wir „Das Evangelium nach Judas von Benjamin Iskariot“ geschrieben. Wir erzählen die Geschichte Jesu aus der Perspektive von Judas und machen den Blick auf eine andere Lesart der christlichen Überlieferung frei. Ein Blick, durch den die Tragödie von Judas, aber auch das große Erbarmen Jesu verdeutlicht wird. Danach kann Judas keinen Selbstmord begangen haben.
Übrigens: Für dieses Projekt hatten wir sogar den Segen des Vatikans für diese Lesart. 

Was halten Sie von Papst Franziskus?

Wissen Sie, ich bin ja nur ein Außenstehender. Aber mein Eindruck ist, Franziskus ist ein sehr, sehr guter Mann. Er ist sehr erdverbunden und demütig. Manchmal wirkt er auf mich etwas naiv. Aber dann überrascht er mit Entscheidungen, die überraschen. Einer meiner langjährigen Freunde war viele Jahre einer der politischen Berater von Franziskus. Wir haben oft über ihn gesprochen. Ohne allzu viel zu verraten, weiß ich durch meinen Freund, dieser Papst setzt seinen eingeschlagenen Weg konsequent fort. Damit macht er sich sicherlich viele Feinde. Das ist der Stoff aus dem Romane entstehen. 

Auch für Sie? 

Ich weiß nicht, es gibt so viele Romane über Päpste und über die Kirche. Natürlich, das hat schon was – ein Papst, den die Kardinäle gern abservieren würden. Ein reformbereiter Argentinier in Italien, internationale Verflechtungen.

Reiche und Superreiche, denen Franziskus sicher nicht in die Hände spielt… Da braucht es nicht viel Phantasie für eine tolle Geschichte.

In Ihren Büchern tauchen immer wieder starke Frauen auf. Es sind Schlüsselfiguren. Eine Hommage an Ihre Ehefrau Dame Mary Archer?

Zunächst einmal etwas Grundsätzliches: Frauen sind besser als Männer. Sie sind kritischer, sorgfältiger und geduldiger. Ich bin fest davon überzeugt, sie werden die Welt übernehmen – wenn sie es überhaupt wollen.

Es ist richtig, in meinen Romanen tauchen immer wieder selbstbewusste, entscheidungswillige und führungsstarke weibliche Figuren auf. In „Traum des Lebens“ heiraten Sascha und Alex auch starke Frauen. So wie ich und damit kommen wir zu Ihrer Frage.

Ja, natürlich spielt meine Frau Mary eine Rolle dabei. Ich habe eine sehr starke Frau geheiratet. Wir lernten uns an der Universität in Oxford kennen, traten 1966 vor den Traualtar. Vor 53 Jahren! Und sind immer noch glücklich. Viele meiner Freunde sind mittlerweile zum dritten oder vierten Mal verheiratet und sie sind bankrott – nicht nur finanziell gesehen. Und ich? Ich möchte nicht länger als eine halbe Minute von Mary getrennt sein. Sie kann ruhig ein Stück von mir entfernt sein. Aber ich muss wissen, dass sie bei mir ist. Das ist wahres Glück.

Mary ist wunderbar. Sie setzt sich durch. Überall. Nur einige Beispiele: Viele Jahre hat sie das Cambridge University Hospital geleitet, seit 2015 ist sie Vorsitzende des Kuratoriums des National Science Museum in London. Ehrenamtlich!

„Für mich war nach dem Mauerfall der Kommunismus erledigt“

 

Jeffrey Archer ist nicht nur ein erfolgreicher Schriftsteller. Nein, er ist auch sozial in verschiedenen Projekten sehr stark engagiert. Unter anderem organisierte er Versteigerungen, um Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen. Seit einigen Jahren unterstützt er Kampagnen gegen die Spielsucht. Er und seine Freunde wollen erreichen, dass Werbung für Wetten verboten werden: Ein Milliardengeschäft, bei dem letztendlich nur die Wett-Unternehmen immer reicher werden., sagt Jeffrey Archer. Foto/Copyright: Heinz Heiss

 

Welche Frauen bewundern Sie noch?

Da ist meine Mutter. Sie hat mit 52 ihren Doktor gemacht. Unglaublich. 11 Jahre habe ich für Margaret Thatcher gearbeitet. Erinnern Sie sich? Sie hätte beinahe ihren Sitz im Parlament verloren und wäre dann nie Ministerin geworden. Schon gar nicht Premierministerin. Wissen Sie, 2001 musste ich wegen Meineids und Behinderung der Justiz ins Gefängnis. Drei Tage nach meiner Entlassung hat mich Margaret Thatcher zum Essen eingeladen – an einem Tisch mitten im Ritz. Das ist Stärke und die Bereitschaft, jedem eine zweite Chance zu geben.

Und dann ist da Ihre Kanzlerin, Angela Merkel. Sie ist ein Glück für Ihr Land. Eine bemerkenswerte Frau, die nur das Beste für ihr Land will. Ihr Pragmatismus und ihre Fähigkeit, langfristig zu denken, zeichnen sie aus. Bei so gefährlichen, unberechenbaren Männern, wie Trump, Putin, Erdogan oder Kim Jong-un ist das ein ganz wichtiges Regulativ. Tatsächlich ist Angela Merkel für mich die beeindruckendste Persönlichkeit in der Weltpolitik. Ich glaube, ihr Rückzug ist für Deutschland ein ganz großer Verlust. Wer immer ihr nachfolgt, er oder sie tritt in riesige Fußstapfen. Das wird schwer – für Deutschland, Europa, die Welt und natürlich auch für England. Angela Merkels nüchterne, analytische Art und ihr ausgleichendes Narrativ wird fehlen.

Was verbinden Sie überhaupt mit Deutschland?

Viel. Ich glaube, Deutschland war und ist das wichtigste Land für die Entwicklung in Europa. Im Guten wie im Bösen. Ich habe immer die Disziplin und Konsequenz der Deutschen bewundert. Eigentlich sind das sehr gute Eigenschaften. Nur durch Adolf Hitler wurde das ins Gegenteil gekehrt. Mit schrecklichen Folgen.

Wenn ich heute zu Gast in Ihrem Land bin, staune ich über die vielen Veränderungen.

Wie meinen Sie das?

Europa ist im Wandel. In Italien wird der Ruf nach einem neuen Mussolini lauter. Österreich tendiert nach rechts. Ebenso Polen und Ungarn. Auch Amerika befindet sich in einer befremdlichen, nationalistischen Ecke. Und in Deutschland erreichte die AfD fast 13 Prozent bei den letzten Bundestagswahlen. Das gibt allen Grund zur Sorge. Mut macht mir aber, dass Deutschland von einer höchst intelligenten Mittelschicht getragen wird, und ich hoffe, dass die mit dem Rechtsruck höchst sensibel umgeht und Lösungen findet.

Sie vertreten die Ansicht, dass der Geburtsort ganz entscheidend für das Leben und das Schicksal eines jeden Menschen ist.

Davon bin ich überzeugt. Wären Sie in England geboren und ich in Deutschland, Ihr und mein Leben wären völlig anders verlaufen als es jetzt ist. Ich reise oft nach Indien. Dort leben viele Kinder am Straßenrand – ohne eine Chance auf eine lebenswerte Zukunft. Ehrlich, ich frage mich jedes Mal, was könnte aus ihnen werden, wenn sie in eine Familie der Mittelklasse-Gesellschaft hineingeboren würden. Natürlich, Armut und Elend hat es immer gegeben. Natürlich müsste heutzutage niemand hungern oder verarmen. Aber ich glaube, auch wir können oder müssen unser Schicksal an ganz bestimmten Stellen selber in die Hand nehmen und auf etwas Höheres vertrauen. Das können Sie Glück, Zufall, Hoffnung oder Glauben nennen. Deshalb entwerfe ich in „Traum des Lebens“ ja auch die Geschichte eines jungen Russen, der eine Münze entscheiden lässt, auf welchem Schiff er fliehen soll – dem nach England oder dem nach Amerika. Und erzähle, was aus ihm in beiden Ländern geworden ist.

Übrigens: Auf die Idee kam ich durch die Geschichte des ehemaligen amerikanischen Vier-Sterne-Generals Colin Powell. Seine Mutter Maud Ariel McKoy lebte auf Jamaika. Sie arbeitete als Näherin, ihr Mann Luther Powell war Lagerarbeiter. Maud Ariel musste entscheiden, ob sie für ein besseres Leben nach England oder Amerika gehen solle. Sie entschied sich für die USA und ihr Sohn, Colin wurde in Harlem geboren. Er legte eine unglaubliche Karriere hin. Das wäre, meiner Meinung nach, damals in England nicht möglich gewesen. Heute vielleicht, wir haben mittlerweile in London ja auch einen Muslim als Bürgermeister.

Und Sie entwickeln einen aktuellen, hochpolitischen Plot. Klasse gemacht. Aber ich habe Ihre Finten schnell durchschaut, obwohl ich noch 50 Seiten vor mir habe …

Ich verrate Jeffrey Archer den Plot und er staunt ...

… Ehrlich, das hätte ich nicht erwartet. Bisher konnte mir noch niemand die Lösung verraten.

Was meinen Sie, ist unser Leben vorgegeben?

Ich glaube eher nicht. Es ist Zufall, Glück oder Pech. Wie immer man es sehen will. Die Herausforderung dabei ist, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Nur, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, ist es oft fast unmöglich, aus bestehenden Strukturen auszubrechen. Das funktioniert in reichen Gesellschaften sicher besser als in armen Ländern. Afrika und Indien sind dafür nur zwei Beispiele.

Bessere Ausbildung und Bildung wären für bessere Chancen eine gute Voraussetzung …

… dass hat mir Mary auch eingeimpft. Das Einzige, was Eltern ihren Kindern fürs Leben mitgeben können, ist eine bestmögliche Ausbildung. Bereits mit der Geburt sollten Großeltern und Eltern etwas zurücklegen, damit ihre Nachkommen eine gute Ausbildung bekommen. Kinder brauchen nicht viel Geld oder müssen verwöhnt werden, sie müssen Anleitungen fürs Lernen und Leben bekommen. Zur Bildung gehört tatsächlich mehr: Kultur, Persönlichkeit, Herzensbildung. Ich zum Beispiel kann keine Stadt verlassen, ohne nicht zumindest ein Museum besucht zu haben. Ich war gerade hier in der Alten Nationalgalerie und meine Begeisterung für den Maler Max Liebermann wurde neu entfacht. Oder Adolph von Menzels „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“. Wir leben in einer modernen Gesellschaft, die sich immer schneller entwickelt. Wenn aber alles Vergangene vergessen oder ignoriert wird, verlieren wir mehr als nur Wissen oder Erinnerungen.
Wir verlieren die Basis menschlicher Existenz. Das darf nicht passieren. Deutschland, das Land der Dichter, Denker und Musiker. Unvorstellbar und nicht wünschenswert, dass eines Tages Goethe, Schiller, Lessing oder Bach, Beethoven und Wagner vergessen sein könnten. Das gilt aber für die Kulturen und Leistungen anderer Länder genauso.

Haben Sie sich je gefragt, was wäre, wenn?

Das macht doch jeder. Wenn ich in der Politik geblieben wäre, wäre ich vielleicht ein Minister geworden, an den sich heute niemand mehr erinnert. Wenn ich nicht pleite gegangen und das Parlament verlassen hätte, wäre ich wahrscheinlich kein Schriftsteller geworden. Nun ist alles anders gekommen. Das Schreiben und der Erfolg haben mein Leben zum Besseren verändert. Wir alle sollten aufpassen, dass wir uns selber nicht allzusehr bemitleiden, für Dinge, die wir getan haben oder auch nicht. Zurückblicken ist in Ordnung, aber bitte nicht lange.

Ganz entspannt gab sich Jeffrey Archer in dem Gespräch in Berlin. Was mich erstaunte: Zwei Jahre später telefonierten wir und Jeffrey Archer konnte sich genau an mich erinnern. Was macht Ihre Ahnenforschung, fragte er mich gleich nach der Begrüßung. Ich hatte ihm in Berlin erzählt, dass ich mich mit meiner Familiengeschichte beschäftigen würde und er war sehr interessiert an den Ergebnissen. Foto/Copyright: Heinz Heiss

Was sollten wir alle aus unseren schlechten Zeiten oder persönlichen Niederlagen mitnehmen?

Ich war mir immer sicher, dass ich alle Krisen und Niederlagen durchstehe. Sicherlich habe ich auch dafür gekämpft, aber es hat mich auch gestählt. Jeder, der etwas erreicht hat, musste auch Niederlagen einstecken oder harte Zeiten durchleben. Aber danach hast du viel gelernt und weißt vor allem, wer deine wahren Freunde sind.

In wenigen Wochen jährt sich der 30. Jahrestag des Falls der Mauer in Deutschland. Wo waren Sie denn am 9. November 1989?

In London. Wo? Weiß ich nicht mehr so genau. Aber ich habe wie gebannt vor dem Fernseher gehockt und alles verfolgt. Es war wirklich eines der schönsten Tage in der jüngeren europäischen Geschichte. Ich konnte mir zwar vorstellen, dass die Mauer eines Tages fallen würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass es noch während meines Lebens passieren würde. Für mich war damals klar, dass ich so schnell wie möglich nach Berlin reisen muss. Das habe ich auch gemacht und mir selbst ein Stück aus der Mauer rausgepickt. Das hängt jetzt hinter Glas in meinem Büro. Und jetzt ist das auch schon wieder 30 Jahre her und die weltpolitische Lage hat sich dramatisch verändert.

Zum Beispiel?

Die Gefahr eines Atomkriegs, egal von welcher Seite, ist gewachsen. Putin gibt keine Ruhe. Trump ist nicht einzuschätzen. Die Spannungen zwischen Pakistan und Indien nehmen zu. Nicht zu vergessen, Nordkorea. Nein, friedlich sieht anders aus.

Waren Sie eigentlich jemals in der ehemaligen DDR? Wer Ihre Bücher liest bekommt diesen Eindruck, denn Sie scheinen erstaunlich gut informiert über den einstigen Alltag und die politische Situation im einstigen Ostdeutschland zu sein.

(Lacht): Ganz ehrlich, ich habe die Grenze nie passiert. Meine Informationen über die DDR bekam ich durch viele Gespräche mit deutschen Freunden und englischen Politikern. Mein wichtigster Informant aber war ein ehemaliger polnischer Kommandant, der oft in Ost-Berlin und anderen Städten war. Er hat mir viel erzählt und auch später noch viele Recherchetipps gegeben. Zum Beispiel empfahl er mir diesen phantastischen Film „The Lives of Others“ über einen Stasi-Hauptmann, der auf einen bekannten Theater-Dramatiker und dessen Freundin angesetzt wird. Für mich einer der besten Filme aller Zeiten. Einer der besten fünf. Mit einem sensationellen Schauspieler…

… Ulrich Mühe …

… ja, so hieß er. Wenn ich mich recht erinnere, hat dieser Film sogar einen Oscar bekommen. Höchst verdient. Wissen Sie, für mich war nach dem Fall der Mauer der Kommunismus erledigt. Zum Glück. Aber viele haben das wohl anders gesehen. Und deshalb habe ich mir – auch noch lange nach der Wiedervereinigung – immer wieder die Frage gestellt: „Wenn in der DDR alles so wunderbar war, warum haben dann so viele Menschen versucht, aus dem Land zu fliehen und dafür sogar lange Haftstrafen oder sogar den Tod in Kauf genommen?“ Das konnte mir bis heute niemand so richtig beantworten. Aber ganz ehrlich, es braucht doch nicht viel, um diesen Widerspruch zu sehen. Aber so ist es wahrscheinlich mit Ideologien und vermeintlichen Idealen. Vom Trabant schwärmen, aber Mercedes fahren. Das ist doch pure Heuchelei.

 Aber Heuchelei ist doch leider ein alltägliches Phänomen …

… stimmt genau. Da kann ich Ihnen und Ihren Lesern eine irre Geschichte aus England erzählen. Wollen Sie sie hören?

Gern.

Also, jahrelang habe ich mich mit vielen anderen dafür engagiert, dass Zigarettenwerbung auf Plakaten oder im Fernsehen verboten wird. Das haben wir geschafft. Derzeit wird unser Land mit Werbung für Wetten und Glücksspiele überzogen. Wir wissen alle, dass niemand damit reich wird, außer Buchmachern und den großen Anbietern. Im Gegenteil. Es gibt unzählige Spielsüchtige. Es gibt massive Verarmung durch Wetten. Aber die Vorstandsvorsitzende eines britischen Wettunternehmens sagt öffentlich, dass sie sich einen Bonus von 300 Millionen Euros genehmigt hat, weil das Geschäft so gut läuft. Das ist nicht nur purer Wahnsinn, sondern große Heuchelei, denn ihre Kohle bekommt sie von den armen Zockern. Mit vielen Freunden haben wir jetzt eine Kampagne in England gestartet, damit Werbung für Wetten jeder Art verboten wird. Ich hoffe, wir werden Erfolg haben.

Was ist denn der Sinn des Lebens für Sie? Wetten wohl eher nicht.

Ich bin sehr traditionell, sehr britisch. Millionen Leser haben mich zu einem sehr reichen Mann gemacht. Ich hatte schon immer das Gefühl, viel zu viel zu verdienen. Natürlich ist Luxus wunderbar. Letztendlich kann aber auch ich nur auf einem Stuhl sitzen. Irgendwann habe ich mich gefragt, was mache ich mit dem Geld? Ich habe einen Wohltätigkeitsfonds aufgelegt und ihn finanziell wirklich gut ausgestattet. Dann habe ich meine Kunstsammlung an verschiedene Museen gegeben, damit die Menschen sich an den Bildern erfreuen können. Außerdem reise ich durchs ganze Land und versteigere auf Wohltätigkeitsveranstaltungen Kunst und Kitsch, Wertvolles und Tand für gute Zwecke. Über 1000 dieser Veranstaltungen habe ich bisher organisiert und durchgeführt. Dabei kamen 55 Millionen Pfund zusammen.

Wissen Sie, Geld macht frei, aber nicht glücklich.

Was macht Sie glücklich?

Meine Frau, unsere Söhne, unsere Enkel und Enkelin. Eben die Familie. Es gibt nichts Wichtigeres als eine intakte Familie und das Gefühl, von Vertrauen und Liebe getragen zu werden.

Was wäre Ihr größtes Unglück?

Meine Familie zu verlieren und nicht mehr schreiben zu können. Aber ehrlich, mit diesen Gedanken mag ich mich nicht beschäftigen.

In dieser Bildergalerie ist sehr gut zu erkennen, wie gern Jeffrey Archer kommuniziert und sich mit einem Gesprächsparter auseinandersetzt. Nie hatte ich das Gefühl, dass das Interview für ihn eine reine Routine- und PR-Angelegenheit war. Im Gegenteil: Ihm schien es wichtig zu sein, die Botschaften, die er kommunizieren wollte, in den Vordergrund zu stellen und nicht seine Bücher! Alle Fotos/ Copyright: Heinz Heiss

Bücher von Jeffrey Archer

Jeffrey Archer – ein bewegtes und spannendes Leben

Jeffrey Archer wurde am 15. April 1940 in London geboren. Er besuchte das Brasenose College in Oxford, erwarb aber keinen akademischen Titel. Mit 29 Jahren wurde er für die Konservative Partei als Abgeordneter in das Unterhaus des britischen Parlaments entsandt. Während dieser Zeit investierte Jeffrey Archer in ein kanadisches Unternehmen, das jedoch pleiteging und den jungen Mann in den Ruin trieb.

1974 verließ er das Unterhaus und begann zu schreiben. Gleich sein erstes Buch „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, wurde ein internationaler Bestseller und erlöste Jeffrey Archer von seinen Schulden.

1992 wurde er geadelt und erhielt als Peer einen Sitz auf Lebenszeit im englischen Oberhaus. Allerdings flog er wieder aus dem Parlament und musste auch seine Kandidatur als Oberbürgermeister von London zurückziehen, da gegen ihn wegen Meineids und Verschwörung ermittelt wurde.

Für diese Taten wurde er 2001 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er zwei Jahre absaß.

Bis heute hat Jeffrey Archer über 30 Bestseller (Auflage mehr als 333 Millionen), Theaterstücke und Erzählungen geschrieben – darunter ein dreiteiliges Gefängnistagebuch über seine Haft.

2021-07-14T21:30:04+00:00

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